Echo 2015 Also wirklich

Einige der diesjährigen Echogewinner.

(Foto: AP)

Helene Fischer, Herbert Grönemeyer und nochmal Helene Fischer. Beim Echo feiert sich der kommerziell erfolgreiche Teil des Pop-Geschäfts selbst. Sieben Momente der Preis-Verleihung, die dann doch überraschend waren.

Von Jan Kedves, Berlin

Beim Echo überrascht einen gar nichts mehr. Die intransparente Ermittlung der Gewinner, das Fehlen der Einblendung "Dauerwerbesendung", das mangelnde Bemühen der Preisträger, beim Entgegennehmen des Blechbogens wenigstens ein bisschen überrascht zu wirken - an all das hat man sich gewöhnt. Umso überraschender also, dass es bei der Echo-Gala 2015 gestern Abend im Berliner Palais am Messeturm dann doch einige Momente gab, die so nicht wirklich abzusehen waren. Und zwar:

1. ... dass es am Eingang keinerlei Security-Check gab. Man hätte wirklich alles Mögliche mit in den Publikumsraum reinnehmen und Helene Fischer - oder einem anderen der kleineren und größeren Stars - damit sehr nahe kommen können.

2. ... wie taktlos die "Schweigeminute" für die Opfer der Germanwings-Katastrophe zu Beginn der Show geriet. Anführungsstriche, weil die Minute von der amerikanischen Sportgymnastikgeigerin Lindsey Stirling mit übelstem Kitsch zugefiedelt wurde.

3. ... wie im Anschluss sämtliche Sensibilität für die Katastrophe fahren gelassen wurde. Revolverheld spielten unbeirrt ihren Hit "Ich lass für dich das Licht an", in dem das Reiseziel "Barcelona" ist und das Fortbewegungsmittel "trampen". Die Stars der Vox-Sendung "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" fühlten sich "ein bisschen wie auf Klassenfahrt", und auch Helene Fischer: In ihrer Dankesrede zum Preis "Hit des Jahres" zählte sie Momente auf, die sich im Gedächtnis ihrer Fans möglicherweise mit "Atemlos durch die Nacht" verbinden - eben nicht nur die WM-Party vor dem Brandenburger Tor, sondern auch: "eine Klassenfahrt".

4. ... wie populär das Wörtchen "wirklich" an dem Abend war. Herbert Grönemeyer sagte, als er seinen Echo ("Künstler Rock/Pop National") entgegennahm, er sei "wirklich etwas verblüfft". Revolverheld, Gewinner der Kategorie "Band Rock/Pop National", freuten sich über die Auszeichnung "wirklich sehr". So was sagt man doch nur, wenn man Angst hat, ohne das "wirklich" würde wirklich jeder merken, dass der Satz nicht stimmt?

5. ... wie frech Nile Rodgers lachte, als er in der Kategorie "Album des Jahres" den Brief öffnete und Helene Fischer als Gewinnerin vorlas - ein "Ha ha ha!", als würde er sie entweder kennen und unmöglich finden, oder als fände er ihren Namen sehr lustig. Der Chic-Chef und ehemalige Black Panther neben der garantiert unfunkiesten Sängerin Deutschlands - eine Paarung, zu der einem auch sonst nicht mehr einfällt als: Wow.

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6. ... wie locker zwischen all der drögen Preisroutine die Videoeinspieler daherkamen, die immer dann abgefahren wurden, wenn ein Preisträger nicht persönlich anwesend war. Thomas Gottschalk als Überbringer des "Rock/Alternative International"-Echo bei AC/DC in Los Angeles: witzig! Kylie Minogue in Australien als Überbringerin des Echos "Künstler Rock/Pop International" an den dort gerade tourenden Ed Sheeran - auch witzig! Sheeran: "Der erste Preis, den ich in Australien bekomme, der erste deutsche Preis, den ich bekomme, und der erste Preis, den ich von Kylie Minogue bekomme!"

7. ... und schließlich: wie hartnäckig sich die reizende, elegante Nana Mouskouri weigerte, in ihrer Dankesrede für den "Lebenswerk"-Echo auf den drohenden Grexit einzugehen, wo doch Moderatorin Barbara Schöneberger schon so schön vorgelegt und "unsere Lieblingsgriechin" für ihre "Bescheidenheit und Sparsamkeit" gelobt hatte: "Seit 50 Jahren Kassengestell!" Dass Mouskouri danach überhaupt noch auf die Bühne kam: ein Zeichen wahrer Größe.