Dokumentation "Macht der Bilder" auf 3sat "Lüge und Krieg sind Zwillinge"

Authentisch oder gestellt? Aufnahme von der Westfront bei Verdun im Ersten Weltkrieg.

Der Erste Weltkrieg war der erste Medienkrieg der Geschichte und schon damals logen die Filmaufnahmen, die von der glorreichen Schlacht schwärmten. Die Dokumentation "Macht der Bilder" befasst sich mit dieser filmischen Propaganda.

Von Matthias Kohlmaier

1914, nach den verlustreichen Schlachten bei Metz, notierte der Schriftsteller Ludwig Ganghofer in seinem Gedicht "Das letzte Wort":

Gewonnen war die grimme Schlacht. / Die Waffen ruhen. Es sinkt die Nacht.

Bei Metzt im großen Leidenszelt / liegt sterbenswund ein deutscher Held.

Ein schlanker Bursch, ein junges Blut, / die Kugel traf, sie traf ihn gut.

Und Wärter, Arzt und Schwester stehn, / um einen deutschen Held zu sehen.

Propaganda unter dem Deckmantel der Lyrik, nicht zufällig war Ganghofer angeblich einer der Lieblingsschriftsteller von Kaiser Wilhelm II. Doch nicht nur in der Dichtung wurde die Grausamkeit des Krieges verklärt und das Soldatenleben und -sterben heroisiert und romantisiert. Auch bewegte Bilder bekamen speziell in der zweiten Hälfte des Ersten Weltkrieges einen immer größeren Anteil an der Propaganda der Mächtigen.

Mit dieser Mobilisierung der Massen befasst sich die vom ORF verantwortete Dokumentation Macht der Bilder. Lüge und Propaganda im Ersten Weltkrieg, die nun auf 3sat erstmals ausgestrahlt wird. Mit vielen historischen Filmaufnahmen und Fotografien nähert sich Autor Günter Kaindlstorfer dem "Urtrauma des 20. Jahrhunderts", das etwa 17 Millionen Todesopfer forderte und die Saat für den später folgenden Vernichtungskrieg der Nazis darstellte.

Kino an der Front

Mithilfe vieler Experten vom Film- bis zum Militärhistoriker erzählt die Dokumentation auf kurzweilige Art den bedenklichen Aufstieg des jungen Mediums Kino zum wichtigen Propagandainstrument. Durch die bewegten Bilder ließen sich Millionen Bürger erreichen und für den Krieg indoktrinieren - aber auch Soldaten waren Ziel der filmischen Mobilmachung. Das K+K-Kriegspressequartier schickte mit großem Aufwand sogenannte Feldkinos an die Fronten, um die Stimmung in der Truppe zu verbessern.

Doch die Bilder vom schönen, vom glorreichen Krieg, sie logen. Oder zumindest zeigten sie nur Teile der Wahrheit. Tote sind auf den Aufnahmen nur selten zu sehen, und wenn doch, dann nur die Gefallenen des Feindes. Kampfszenen sind meist nachgestellt, die Historiker schätzen, dass maximal 20 Prozent des erhaltenen Filmmaterials authentische Kriegshandlungen zeigt. Zudem demonstrieren die meisten Beiträge, ob an der eigentlichen oder der Heimatfront entstanden, Ordnung, wo eigentlich Chaos herrschte. Es ist alles gut, sollten die Filme dem Volk suggerieren, die "Fähigkeit der alten Ordnung, Ordnung zu halten" belegen, wie Historiker Hannes Leidinger erklärt.

All das und auch die Entstehung des Spielfilms, der die beunruhigte Heimatfront in der zweiten Kriegshälfte bei Laune halten sollte, erzählt Macht der Bilder ganz ohne guidoknopphafte Banalisierung und ohne allzu umfangreiches Ausholen in der Zeitgeschichte. Historisches Grundwissen wird beim Zuseher vorausgesetzt. Zurecht, wimmelt es doch zum 100-jährigen Jubiläum des Kriegsausbruchs in allen Medien von Berichten über das, was außerhalb Deutschlands häufig ob seiner Intensität als "der große Krieg" bezeichnet wird.

Zudem aber war es der erste Medienkrieg der Geschichte und wies als solcher der Macht der Bilder zu Propagandazwecken den künftigen Weg. "Lüge und Krieg sind Zwillinge", stellt die Off-Stimme am Ende der Doku fest: "Ob 1916 an der Somme, 1991 in Bagdad oder 2013 in Syrien - es gibt keine wahren Bilder."

Macht der Bilder, 3sat, 20.15 Uhr

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