Doku von Claus Kleber über Hunger Satte Anklage

Auch in Afrika stößt die Suche nach Lösungen für die Hungersnot auf Claims von Investoren und Führungseliten. Im Bild werden Maniokwurzeln zu Mehl verarbeitet.

(Foto: © Axel Lischke)

"Hunger! Durst!": Die große Reportage von Claus Kleber und Angela Andersen zeigt, dass Unterernährung in der modernen Welt nicht nur ein Skandal, sondern auch zu ändern ist. Nun läuft die Doku im ZDF.

Von Claudia Tieschky

Journalisten, das ist Teil der Berufsanforderung, denken gern über sich selbst nach. Zu den wirklich heißesten Sachen in puncto Eigen-Erforschung gehörte dieses Jahr das Aktivisten-Problem. Darf ein Journalist engagiert sein? Und wenn ja, wie sehr? Wie oft? Allein oder mit anderen? Schuld an den Beichtspiegelfragen waren Leute wie der Snowden-Vertraute Glenn Greenwald, die das bis dahin unvorstellbare Überwachungssystem der NSA offenlegten - mit Hilfe der Presse, aber eindeutig auch als Akteure mit einer Mission. Dabei weiß der Journalist, jedenfalls seit es Hanns Joachim Friedrichs so gesagt hat, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.

Zum Tugendkatalog der Enthüller im Internetzeitalter gehört radikale Rücksichtslosigkeit gegenüber herrschenden Systemen aller Art - auch gegenüber den guten. Manchmal konnte man den Eindruck gewinnen, die Debatte Aktivismus gegen Journalismus war noch grundsätzlicher: Gretchen, wie hältst du es mit der Macht?

Claus Kleber ist kein Aktivist, sondern er moderiert, hoch dotiert und ein wenig hüftsteif, seit mehr als zehn Jahren das heute journal. In der Beliebtheit steht er auf Rang zwei und im Bekanntheitsgrad auf Rang drei unter den deutschen Nachrichtenmoderatoren, wie Bild am Sonntag gerade herausgefunden hat. Zusammen mit seiner langjährigen Arbeitspartnerin Angela Andersen hat Kleber jetzt einen Reportagefilm gedreht, der sich ein Ausrufezeichen im Titel leistet, also Handeln anmahnt: Hunger! heißt er - und benennt damit einen humanitären Skandal.

Das Thema ist ein gefundenes Fressen für die Abteilung TV-Emotionalität. Hunger! ist dann aber trotzdem eine sehr systematische Analyse der Gründe geworden, die dafür sorgen, dass Nahrungsmittel heute für Menschen in Ländern wie Indien oder selbst Spanien unerschwinglich werden - ein zurückhaltender Film, mehr von der Neugierde auf Ursachen als von Geltungssucht getrieben. Ob in Indien, wo Getreide als Spekulationsobjekt in den Lagern vor sich hinmodert, während 42 Prozent der Kinder unterernährt sind, ob in Afrika, wo Konzerne und reiche Staaten in einer Art Kolonialismus ganze Landstriche anpachten - überall stößt die Suche nach Lösungen auf Claims von Investoren und Führungseliten, auch der exzessive Fleischkonsum der Wohlstandsländer spielt eine Rolle.

Verletzte Kinder

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Der Hunger ist Folge globaler politischer und wirtschaftlicher Systeme, die hier akkurat benannt werden, das macht den Film relevant. Ganz nebenbei erinnert er daran, dass zeitgeistige Aktivisten-Tugenden wie Engagement und der Drang zur Weltveränderung nicht so weit entfernt liegen vom traditionellen Reportagejournalismus - nur sehen sie handwerklich anders aus, klassischer, vielleicht kühler.

Kälte ist womöglich eine mittlerweile unterschätzte journalistische Tugend, kalte Wut zählt mit: Wie leicht es ist, das noch nicht zweijährige und vollkommen unterernährte Mädchen Chaya hochzupäppeln, das das TV-Team retten will. Chaya überlebt trotzdem nicht.

Das ZDF übrigens zeigt den Film so, dass er vielleicht noch ein paar Zuschauer vom Fußball abbekommt - direkt nach dem Champions-League-Spiel FC Bayern München-AS Rom. Fernsehen ist manchmal Engagement, manchmal das Übliche: Brot und Spiele.

Hunger! Durst! , ZDF in zwei Teilen am 5. Nov., 23.15 Uhr und 11. Nov. 20.15 Uhr.