Doku-Serie Zu Hause ein Spiegelei

Niki Nakayama aus Los Angeles gehört zu den sechs Spitzenköchen, die David Gelb porträtiert.

(Foto: Damian Dovarganes/AP)

Die Dokumentarserie "Chef's Table" feierte bei der Berlinale Premiere, jetzt läuft sie auf Netflix. Sie zeigt die besten Köche - ganz ohne Show.

Von Kathrin Hollmer

So ein "Chef's Table" ist eine ziemlich exklusive Angelegenheit: ein Tisch in der Küche eines Restaurants - dort, wo der Zutritt Unbefugten untersagt ist. Nur besondere Gäste dürfen hineinsehen, und nur einige wenige von ihnen sogar dort essen.

Das voyeuristische Verlangen, in die Küche zu sehen, das bei jedem Restaurantbesuch aufkommt, stillt die sechsteilige Dokumentationsserie Chef's Table, die von Netflix produziert wurde und auf der Berlinale Premiere feierte, so gut wie kein Format zuvor. Der Filmemacher David Gelb hat sich sechs der besten Köche der Welt vorgenommen. Mitarbeiter, Familienmitglieder und Lebenspartner erzählen deren Werdegang und Kindheit, die Kamera begleitet sie in ihre Küchen und in ihre privaten Wohnungen, Food-Journalisten wie Faith Willinger (Food & Wine) ordnen ihre Kochkunst fachlich ein.

Da ist zum Beispiel der Drei-Sterne-Koch Massimo Bottura aus der norditalienischen Stadt Modena. Einer, dem es nach dem Erdbeben in Modena im Mai 2012 um die Rettung von Käse geht. Der nach Monaco fährt, um in Alain Ducasses Hotel de Paris zu arbeiten, obwohl seine Freundin zehn Tagen zuvor von New York zu ihm nach Modena gezogen ist. Und der nach New York fliegt, um sie wiederzurückzuholen. Oder die Japanerin Niki Nakayama, die einzige weibliche Protagonistin in der ersten Staffel, die das Restaurant N/Naka in Los Angeles betreibt und sich so zurückhaltend gibt, dass der Gemüsehändler, bei dem sie einkauft, sie lange für eine ganz normale Kundin hielt. Die sich fragt, ob sie die vielen Lobeshymnen nur bekommt, weil sie eine Frau ist, und die mit ihrer Lebensgefährtin zum Abendessen Spiegeleier brät. Oder Magnus Nilsson aus dem schwedischen Järpen, der die zweieinhalb Stunden, die ein Gast in seinem Lokal verbringt, mit 30 Gerichten durchtaktet.

Im deutschen Fernsehen ist Kochen fast immer ein Wettbewerb: bei Privaten (Das Perfekte Dinner, The Taste) wie bei Öffentlich-Rechtlichen (Küchenschlacht, Landfrauenküche). Games of Chefs bei Vox wartet sogar mit Drei-Sterne-Koch Christian Jürgens auf, aber rasch wurde die Sendung auf einen Platz nach Mitternacht verbannt. International gibt es unangestrengtere dokumentarische Formate. Anthony Bourdain etwa, dessen Dmax-Sendung in Deutschland unter dem Titel Anthony Bourdain - eine Frage des Geschmacks läuft, reist auf der Suche nach ausgefallenen Delikatessen um die Welt und geht mit Einheimischen Essen. Er mischt sich unters Volk.

Chef's Table ist kein Format für die Masse. Die Köche der ersten Staffel wenigstens kennt nur, wer sich mit Kochen beschäftigt. Ihre Kochkunst ist unerreichbar, gleichzeitig kommt man ihnen viel näher als einem Hobbykoch, der in der Küchenschlacht mit viel Emotion an einem Soufflé scheitert.

Chef's Table. Seit diesem Sonntag auf Netflix.