"Spiegel Daily" "Spiegel" startet neues Bezahlangebot "Daily"

Transparenter Bau: Die Spiegel-Zentrale auf der Ericusspitze in Hamburg.

(Foto: dpa)

Mit seiner neuen tagesaktuellen Digitalausgabe betritt der "Spiegel" den Markt der Tageszeitungen. Und verspricht: "Entschleunigung, Einordnung und Orientierung".

Von Katharina Riehl und Claudia Tieschky

Das Produkt, das der Spiegel an diesem Dienstag zum ersten Mal digital publizieren will, gibt es eigentlich schon sehr lange - als Geist, Gerücht, Gossip. Dass das Wochenmagazin, das mit Spiegel Online (Spon) längst über eine effiziente Nachrichtenproduktion für die Tagesaktualität verfügt, ein tägliches Bezahlangebot plant, kursierte schon seit Herbst 2013.

Damals war der Spiegel mitten im Umbruch, der unglückselige Chefredakteur Wolfgang Büchner stand gerade kurz vor dem Einstand, als Cordt Schnibben, sendungsbewusster Spiegel-Großreporter, im Heft über "Das Zeitungsdrama", die Krise der Tageszeitungen also, berichtete. Gleichzeitig startete er bei Spon eine Serie zum Thema - und kurz darauf wurde bekannt, dass Schnibben selbst die Lösung gefunden zu haben glaubte: eine Zeitung als App, Arbeitstitel Der Abend . Zunächst verfolgte er unter anderem die Idee, mit Regionalblättern zu kooperieren, die Inhalte von Der Abend kaufen sollten.

Publiziert wird um 17 Uhr, pünktlich zur Tea-Time

Jetzt, fast vier Jahre und einen Chefredakteur später, kommt Der Abend von damals also tatsächlich. Er heißt nun Spiegel Daily und ist ein Produkt, an dem sich schön ablesen lässt, wie die Digitalisierung die Gesetze der Branche verändert. Das tägliche digitale Bezahlangebot kommt nicht morgens, sondern um 17 Uhr, sozusagen zur Tea-Time. Das ist ein paar Takte früher als die Digitalausgaben der Tageszeitungen, die ihre Leser inzwischen ja ebenfalls am Abend mit dem Angebot bedienen, das am nächsten Tag in der gedruckten Zeitung steht. Insofern sind die Digitalausgaben der Zeitungen eigentlich heute das, was früher Abendzeitung hieß. Auf diesem Markt will jetzt auch Spiegel Daily mitmachen und Leser erreichen. Dazu passt auch, dass die redaktionelle Leitung der 17-Uhr-Neuheit bei Oliver Trenkamp und Timo Lokoschat liegt, früher der stellvertretende Chefredakteur der Münchner Abendzeitung - nur dass es die nach Insolvenz und Sanierung gar nicht mehr abends zu kaufen gibt, aber das ist ein anderes Thema. Lokoschat war jedenfalls schon bei dem Blatt, als das noch sozusagen druckwarm abends in die Verkaufskästen kam. Der Reiz des frühen Zugriffs ist immer groß, und nach diesem Prinzip soll sich wohl auch Spiegel Daily verkaufen.

"Entschleunigung, Einordnung und Orientierung" will Spiegel Daily bieten und klingt damit tatsächlich etwas nach Teestundenlektüre; dazu kommen Kommentare, Übersicht über die Tagesdebatten in sozialen Netzwerken, sowie Tipps für die Feierabendgestaltung.

Vor allem aber ist Spiegel Daily ein Teil dessen, was beim Spiegel vor ein paar Jahren als "Agenda 2018" bezeichnet wurde. Damit gemeint ist eine Großoffensive, die den vom Spiegel konstatierten Rückgang von Umsatz und Gewinn stoppen sollte. Zum Abbau auf der einen Seite - 150 von 727 Stellen - hatten Klaus Brinkbäumer (Spiegel), der damalige Spon-Chef Florian Harms und Verlagschef Thomas Hass eine Reihe von Versuchen mit Print und Digital angekündigt, um mehr Einnahmen zu bekommen. Versuche hört sich vage an, aber der Spiegel ist nicht der einzige Experimentveranstalter, die ganze Branche ist es.

Das war vor zwei Jahren, auch damals war schon von Daily die Rede. Der Versuch, einen Regionalteil für NRW im Heft zu bringen, wurde 2016 nach kurzem Testbetrieb wieder beendet; Bestand hat aber Spiegel Plus, ein Bezahl-Angebot von Texten aus dem Heft und besonderen Artikeln der Webseite. Von der Neuheit Spiegel Classic erschien nur eine Ausgabe, seit ein paar Tagen gibt es aber das Heft Spiegel Fernsehen, aber nur in Hessen. Cordt Schnibben geht demnächst übrigens in Rente.

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