"Die Flut ist pünktlich" im ZDF Auf eigenen Wegen im Watt

Der Arzt Alexander Halbach (August Zirner) im Watt, das Wasser steigt.

August Zirner spielt in "Die Flut ist pünktlich" einen Hamburger Arzt, der aus dem Watt nicht mehr lebend zurückkehrt. Das ZDF hat die Kurzgeschichte von Siegfried Lenz in einen gelungenen Abendkrimi umgesetzt.

Von Lothar Müller

Ein Mann blickt aufs Watt. Er sieht einen anderen Mann, den Ehemann seiner Geliebten, zur Hallig aufbrechen. Die Geliebte kommt, er redet mit ihr über den abwesenden Ehemann, den Wattwanderer. Dabei vergeht Zeit.

Nur wenige Seiten braucht Siegfried Lenz in seiner Erzählung "Die Flut ist pünktlich" aus dem Jahr 1953, bis der Satz fällt, der ihr den Titel gibt und die Zeit des Dialogs in eine ablaufende Frist verwandelt.

Die Flut bestimmt, wann einer aus dem Watt zurück sein, wann spätestens er am Horizont sichtbar werden muss. Darum gehört zu den Requisiten der Erzählung neben der Uhr des abwesenden Mannes und der Zigarette, die die Frau raucht, das Fernrohr, mit dem ihr Geliebter ins Watt blickt. Es könnte in einer Verfilmung eine Schlüsselrolle spielen.

Der ZDF-Film Die Flut ist pünktlich braucht dieses Requisit nicht. In ihm ist die Frist schon zu Beginn abgelaufen. Er gewinnt seine Dramatik nicht aus der Unruhe des Wartens, sondern aus der rückblickenden Aufklärung des Geschehens: Ein Toter, ein Hamburger Arzt, der schon lange ein Ferienhaus auf der Nordseeinsel hat, wird an den Strand gespült - war es ein Unfall, Selbstmord, Mord?

Der Drehbuchautor André Georgi folgt dem Formgesetz eines neunzigminütigen ZDF-Films, nicht dem der Short Story.

Inseldrama als Abendkrimi

Er holt den Stoff in die Gegenwart und bevölkert die Leere, von der das Paar in der Erzählung umgeben ist, mit einem ganzen Tableau von Figuren, entwirft ein Inseldrama, das an einen Abendkrimi grenzt. Da ist die junge Polizistin Maike, überzeugend gespielt von Bernadette Heerwagen, die nicht nur den Widersprüchen in den Aussagen der Ehefrau des Toten nachspürt, sondern auch ihre eigene Geschichte hat, die des Wegwollens von der Insel - und einen Vater, der sie nicht gehen lassen will.

Da ist Leonie Benesch als Tochter des Toten, die Medizinstudentin, die aus Hamburg anreist. Und Jürgen Vogel als Tom ist nicht nur der Geliebte der schönen Frau des Toten, er hat auch eine eigene Frau samt Ehekrise und Fremdenpension. Aber weil ihm die Sorge um den Ehemann abhandengekommen ist, kann er sich schauspielerisch ganz auf die innere Unsicherheit des Liebhabers konzentrieren.

Dafür, dass die vielen Nebenthemen das Zentrum nicht ernsthaft gefährden, sorgt der Regisseur Thomas Berger, indem er das Meer, die Insellandschaft, das mondäne Interieur im Ferienhaus des Arztes als Kulisse mitspielen lässt, die alles zusammenhält und der Schauspielerin Ina Weisse Raum genug gibt, als Ehefrau, Geliebte und verdächtigte Witwe ihr Gespinst aus Undurchsichtigkeit, Unberechenbarkeit, Souveränität und zugleich Gebrochenheit zu entwickeln.

August Zirner als ihr lange schon verlorener Mann gibt dazu in den Rückblenden einen melancholischen Wattgänger, der dem Gewicht der Lebenslüge, die er mit sich herumträgt, nicht gewachsen ist. Ging seine Uhr richtig, war sie falsch gestellt, als er ins Watt ging? Auch da geht der Film eigene Wege. Doch er bleibt unter der Rubrik "Literaturverfilmung" seinem eigenen Genre treu, dem Fernsehspiel.

Die Flut ist pünktlich, ZDF, Montag, 20.15 Uhr.