Diät-Fake "Schokolade macht schlank" "Jede Diät findet ihre Abnehmer"

Fast 30 000 Ernährungsstudien gebe es weltweit, so die Autoren. Und beinahe jede sage etwas anders aus. Weil die Ernährungswissenschaft vorwiegend auf Beobachtungsstudien beruht, die nur Vermutungen, aber niemals Bewiese liefern. Publizierte Wissenschaft sei kostenlose Werbung. "Jede Diät findet ihre Abnehmer", sagt Onneken. Dabei bewiesen die allermeisten Studien nur, dass die Diäten höchstens ein Jahr wirkten, bevor der Jo-Jo-Effekt eintrete.

Diäten, da sind sich Ernährungswissenschaftler einig, sind keine Lösung für dauerhaften Gewichtsverlust. Dazu braucht es eine Umstellung von Ernährung und Lebensweise. Diäten können hingegen zu Gewichtsproblemen und problematischem Essverhalten führen und psychische Störungen verschlimmern.

"Das Business stinkt, und wir Journalisten machen mit"

Gesellschaftlicher Druck und ein Schlankheitskult machen es möglich. "Gesund, schlank, jung und schön wollen wir alle sein", sagt Onneken. "Wir zeigen ein System, das vor allem die frustriert, die abnehmen wollen." Über die Opfer des Diäten-Wahnsinns rede kaum jemand, Magersucht und Bulimie seien ein Tabu. En passant zeigen die Autoren die Verquickung von renommierten Medizinern und der Deutschen Adipositas Gesellschaft mit dem Lobbyismus - etwa für Weight Watchers.

"Journalisten-Kollegen spielen bei dem Wissenschaftsmüll eine fragwürdige Rolle", sagt Onneken. Erst durch die Publikation in einem "Fachblatt" wurde ihre Studie zur Wahrheit - und die Veröffentlichung könne man sich etwa im angeblich renommierten International Archives of Medicine kaufen. Keiner prüfte die Echtheit des Instituts, keiner die dünne Auswahl an Probanden, "man vertraute einfach der Pressemitteilung, in der wir ein Märchen erzählt haben", sagt Onneken.

"Das Business stinkt, und wir Journalisten machen mit." Natürlich habe man alles auf Englisch verfasst. Wissenschaftsenglisch. Ihre These, die sich bewahrheitete: Niemand kämpft sich da durch. Ob er ein schlechtes Gewissen habe, nun wieder die Voruteile gegen die Lügenpresse anzufeuern? "Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich in einer Branche arbeitet, die offensichtlich immer mal wieder nach einem Motto vorgeht: 'Wenn die Geschichte zu gut ist, dann bloß nicht recherchieren.' Aber es sind ja auch nicht alle wie Focus.de und Bild - immerhin, und das spricht für unsere Branche, hat sich keine Qualitätszeitung auf diesen Mist eingelassen. Und was mit Schokolade funktioniert, funktioniert auch mit Meldungen wie 'Brennesselsud hilft gegen Hodenkrebs' - dann wird es kriminell."

Begleitet haben Löbl und Onneken ihre Balla-balla-Studie mit einer einfachen Homepage des "Instituts für Diät und Gesundheit", einer eigenen Facebook-Seite (mit gekauften Freunden), Videoclips inklusive Stripeinlage mit einer schlanken Blondine, die gegen Geld auch für andere Diäten wirbt. Und mit einem eigenen Song.

Zeile: "A scientist in Germany recommends a chocolate treat, no promises, no miracles but this is changing my whole world." Refrain: "The chocolate transformation changed my life."

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Schlank durch Schokolade. Eine Wissenschaftslüge geht um die Welt. 5. Juni, Arte, 21:50 Uhr; 7. Juni, ZDF, 15:30 Uhr.