Di Lorenzo verteidigt Guttenberg-Interview Es musste halt sein

So empört waren die Leser der Wochenzeitung "Die Zeit" wohl noch nie: Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hatte mit einem Interview die Comeback-Show von Karl-Theodor zu Guttenberg befeuert. Jetzt stellt sich der Journalist dem Sturm der Leser - und erklärt, wie es zu Buch und Interview gekommen ist.

Von Ralf Wiegand, Hamburg

Verstehe einer die Zeitungsleser. Vor ein paar Monaten noch quollen die Posteingangsstellen jener Verlage und die E-Mail-Fächer solcher Redakteure über, die in Karl-Theodor zu Guttenberg eher den moralisch fragwürdigen Plagiator sehen wollten als die verheißungsvolle Lichtgestalt der christlichen Parteien. Beschimpfung, Empörung, Abbestellungen - der KT-Fanclub hielt fest zusammen gegen die Spießerpresse, die wahre Größe von falschen Fußnoten zu trennen nicht in der Lage ist. Und heute?

Erneut kennen Beschimpfung und Empörung keine Grenzen - aber diesmal, weil es eine Zeitung gewagt hat, den vorübergehend nach Übersee emigrierten Ex-Minister aufs Titelblatt zu heben. 51 Leserbriefe bündelt die Zeit eine Woche nach ihrem vierseitigen Guttenberg-Interview auf einer monothematischen Doppelseite - und das, schreibt der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo im Begleittext zur Briefsammlung, sei lediglich "eine Auswahl der schärfsten Kritiken". Man möchte da jetzt wirklich nicht arbeiten, bei der Zeit, in der Posteingangsstelle.

Die Leser der Wochenzeitung rätseln: Warum dieses Interview? Ist es eine Gefälligkeit, so von Di zu Zu und umgekehrt, dass di Lorenzo ein Interviewbuch ausgerechnet mit dem öffentlich abservierten zu Guttenberg verfasst und dann den Vorabdruck in seiner Zeitung verbrät?

Oder ist es gar der Versuch, den nächsten Bundestagswahlkampf exklusiv für die Hamburger einzukaufen, indem die Zeit nicht nur der SPD (durch Herausgeber Helmut Schmidt als Fürsprecher für Peer Steinbrück), sondern jetzt auch der Union zu einem Kanzlerkandidaten verhelfen will? Die Leser finden auch in 51 Leserbriefen keine schlüssige Antwort, sind erschüttert darüber, was wohl in sie gefahren sein muss, in ihre Zeit.

"Warum dieses Interview?", fragt sich also auch Giovanni di Lorenzo in der aktuellen Zeit öffentlich und antwortet, kurz zusammengefasst, ungefähr so: Es ging nicht anders. Da sei das Angebot für dieses Buch gewesen ("Es war der Verleger Manuel Herder aus Freiburg, von dem Anfang Oktober die Idee ausging . . .") und zwei Bedingungen di Lorenzos ("keine inhaltliche Beschränkung politischer Themen" und Vorabdruck in der Zeit, "das wichtigste Motiv, mich auf das Projekt einzulassen") - und da sei ein Wettlauf um ein Gespräch mit Guttenberg gewesen ("Wie viele andere Medien auch hat die Zeit in den vergangenen Monaten versucht, ein Gespräch mit Guttenberg zu führen, vergeblich").

Immerhin - diesen Wettlauf hat die Zeit gewonnen.

Von "abstrusen" Vorwürfen und "schmerzlichen Schritten"

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