Der Fall "Harry Wörz" Unrecht im Namen des Volkes

Er soll versucht haben, seine Frau zu erwürgen, kam für Jahre unschuldig ins Gefängnis. Nun ist Harry Wörz zwar wieder ein freier Mann, sein Leben in der ursprünglichen Form aber hat er verloren. Jetzt wird der Fall verfilmt.

Von Bernd Dörries

Jeden Tag blättert Harry Wörz in den Akten. Er nimmt einen der dicken Ordner, die er im Kleiderschrank stapelte, bis kein Platz mehr war für Kleider. Weil Kleider nicht so wichtig waren, im Vergleich. Auch heute morgen hat er wieder die Akten studiert, so, als könne er es selbst immer noch nicht glauben, was da eigentlich passiert ist mit ihm und seinem Leben. Jetzt wird es sogar verfilmt. "Immer wieder sagen die Leute, irgendetwas muss doch gewesen sein, dass du verurteilt wurdest. Jetzt soll es auch der Letzte begreifen, was mit mir passiert ist?", sagt Wörz. Fernsehen als Freispruch in der letzten Instanz, in der ARD, 20.15 Uhr, irgendwann im Jahr 2014.

Seit drei Jahren ist Harry Wörz, 47, freigesprochen, aber frei ist er nicht. Es sagt sich ja so leicht, die Zeit heilt alle Wunden, aber bei ihm sind sie noch ziemlich frisch. Er sitzt in einem kleinen Restaurant in Pforzheim und redet über sein Leben. Es kommt nicht alles noch mal hoch, es ist immer da. Von der Arbeit als Bauzeichner ist er krankgeschrieben, wenn er einen Beruf angeben müsste, dann wäre es wohl: Opfer - oder Erzähler des eigenen Lebens. Neben im sitzen Holger Joos, der das Drehbuch geschrieben hat zur Verfilmung des Lebens von Harry Wörz und der Produzent Sascha Schwingel von Teamworx. "Wir wollen zeigen, dass das, was Harry passiert ist, jedem passieren kann, dass jeder in das Netz der Justiz geraten kann, ohne eigene Schuld", sagt Schwingel.

Das Leben von Harry Wörz war eines, das in sehr geordneten Bahnen verlief, er arbeitete als Bauzeichner, heiratete, bekam einen Sohn und ließ sich scheiden, das war traurig, aber ein schmutziges Drama war es nicht. Im April 1997 wurde er verhaftet, man warf im vor, versucht zu haben, seine Frau zu erwürgen. Sie überlebte, ist aber ein Pflegefall geworden. Sie kann nicht sagen, wer der Täter war. Für die Pforzheimer Polizei war es schnell Wörz. Dessen größter Fehler war es wohl, kein Polizist zu sein - denn alle anderen waren es. Die Ex-Frau, ihr Vater, der sie fand, und ihr neuer Liebhaber, gegen den sich später der Verdacht richtete. Wörz wurde zu elf Jahren verurteilt, er saß 1675 Tage im Gefängnis, im Jahr 2010 wurde er in letzter Instanz frei gesprochen.

Das Landgericht Mannheim listete bereits ein Jahr früher all die Versäumnisse auf, die die Pforzheimer Polizei gemacht hatte. Der Tatort wurde nicht versiegelt, sowohl der Vater als auch der Liebhaber Thomas H. stiefelten dort herum, obwohl sie damals noch als Mitverdächtige galten. Asservate verschwanden, jemand reinigte den Tatort, ein Mülleimer wurde geleert. Die Tatortfotos waren nicht mehr aufzufinden. Die Kammer habe keinen "nur halbwegs klar umrissenen Beweggrund" finden können, warum Harry Wörz seine Ex-Frau habe erwürgen sollen. Er sagte auch: "Die Kammer hält es für wahrscheinlich, dass Thomas H. der Täter war." Es wurde noch ein bisschen herumermittelt gegen den Polizisten, im Januar wurde der Fall geschlossen.

"Es ist unglaublich", sagt Wörz. Noch viele Jahre lang habe ihn die Pforzheimer Polizei jede Woche in der Stadt angehalten, habe ihn schikaniert. Er hat den normalen Satz an Haftentschädigung bekommen, aber keine Entschuldigung dafür, dass er sein Leben verloren hat, das in der ursprünglichen Form. Vielleicht könne der Film noch einmal einen Anstoß geben für eine Entschädigung oder für weitere Ermittlungen, sagt Produzent Schwingel. "Bisher ist es eine Geschichte ohne Happy-End." Harry Wörz sitzt daneben und nickt.