"Der Fall Barschel" im Ersten Sartre, Existenzialismus und Bilanzselbstmord

Schon früh ist die Barschel-Affäre von der Realität in die Fiktion gewandert. Der Hamburger Anglistikprofessor Dietrich Schwanitz schrieb die Shakespeare- Travestie MacBarsch und verschob die Gewissensfrage ins Reich der Literatur, wo die besten Geschichten tödlich ausgehen. Manchmal hilft die Literatur ja, aber ob sie heilt? Als der Reporter vom Stern Barschel fand, lag da neben mysteriösen Notizen, die auf einen R oder Roloff als großen Dunkel- und Hintermann deuteten, eine Ausgabe von Jean-Paul Sartres Gesammelten Erzählungen.

Barschel konnte wohl lesen, stand aber nicht im Verdacht, sich länger als nötig mit Literatur abzugeben. Wie später herauskam, hatte Dr. Dr. Uwe Barschel sogar seine beiden Doktorarbeiten von ergebenen Hilfskräften aus der CDU schreiben lassen. "In diesem Moment hatte ich den Eindruck", heißt es in einer Geschichte, "als läge mein ganzes Leben ausgebreitet vor mir, und ich dachte: 'Das ist eine verdammte Lüge'." Sartre, Existenzialismus, Bilanzselbstmord: ein bisschen überdeterminiert ist das schon. Der ehemalige Oberstaatsanwalt Heinrich Wille, der eisern an der Mordtheorie festhält, hat dieses Buch aus der Asservatenkammer einfach mit nach Hause genommen. Zufall?

Der Fall Barschel ist nicht nur eine dreistündige, liebevolle Rekonstruktion der seit 1987 vergangenen Zeiten - die großen Brillen, die alten Schreibmaschinen, die schrecklichen Diskotheken, Hamburger Betonpressebauten und Redaktionsarbeit unter dem leicht totalitären Motto "Wahrheit ist unsere Pflicht" -, sondern wider alles Erwarten auch noch spannend, weil immer alles möglich ist. Nach einem ökonomischen Beginn wechselt der Film vom dokumentationsnahen Politkrimi zum Journalistenthriller mit Beziehungsverwahrlosung und gnadenloser Recherche bis aufs Klo.

Der Barschel-Fall ist unser kleiner Kennedy-Mord

Dramaturgisch geschickt wird die Mord-oder-Selbstmord-Frage auf zwei Journalisten aufgeteilt (Drehbuch: Regisseur Kilian Riedhof mit Marco Wiersch), die von Alexander Fehling und Fabian Hinrichs brillant gespielt werden. Martin Brambach ist ein so abstoßender Pfeiffer, dass er, zumal nach seinem Auftritt in der ARD-Serie Die Stadt und die Macht, jeden Fernsehpreis verdient hat. Wahrhaft abgründig aber ist Matthias Matschke. Handlungsgemäß muss er zwar recht bald sterben, aber er geistert weiter durch den Film, ein unsicherer Finstermann, dem nie wohl in seiner Haut ist. Wenn er sich bei der legendären Ehrenwort-Pressekonferenz langsam über die Backen streicht, ist er vom Tavor-süchtigen Barschel nicht mehr zu unterscheiden.

War es die Stasi? Die CIA? Der Mossad? Der BND? Oder hat ihn am Ende doch Helmut Kohl in die Wanne gestoßen? Der eine oder andre Geheimdienst weniger wäre vielleicht mehr gewesen. Aber wie das seit Oliver Stones Politikparanoia JFK üblich ist, werden alle als Täter und Anstifter aufgerufen, und weil das immer noch nicht genug ist, "wackelt" hier einmal sogar der Stuhl des amerikanischen Präsidenten. Alles wegen dieses meerumschlungenen kleinen Landes, in dem auch die Kühe CDU wählen, aber schließlich ist der Fall des Schleswig-Holsteiners Barschel unser kleiner Kennedy-Mord.

Eine besonders traurige Botschaft lässt sich dem Barschel-Film noch abgewinnen, nämlich dass das Journalistenleben vor zwanzig, dreißig Jahren eindeutig besser war. Selbst Lokalzeitungen hatten offenbar genügend Geld, um ihre Leute auf der Wahrheitssuche regelmäßig nach Genf und sogar nach Beirut fliegen zu lassen. Mit etwas Glück kam der Reporter dabei nicht bloß hinter die übelsten Staatsgeheimnisse, sondern wurde bei guter Führung auch noch von einer apart bestrapsten Agentin ins Bett gezerrt. Wie gesagt, ein Märchen aus uralten Zeiten und ein meisterhafter Film.

Der Fall Barschel, ARD, Samstag, 20.15 Uhr. Im Anschluss die Dokumentation Barschel - Das Rätsel.

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