Degeto-Chefin Bettina Reitz Pendelschwung nach oben

Sie gilt als Garantin für Qualitätsfernsehen und war zuletzt immer dann gefragt, wenn es bei der ARD lukrative Posten zu besetzen gab: Bettina Reitz soll neue Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks (BR) werden. Dabei war sie erst vor einem Jahr zur Chefin der ARD-Tochter Degeto aufgerückt - und hatte den BR deswegen verlassen.

Von Christopher Keil

Der Anruf reicht über ein Jahr zurück. Ulrich Wilhelm war noch für wenige Wochen Regierungssprecher Angela Merkels, als Udo Reiter bei ihm vorstellig wurde. Reiter, damals Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), fragte höflich beim bereits gewählten neuen Amtskollegen des Bayerischen Rundfunks (BR) nach, ob eine Berufung von Bettina Reitz zur Degeto ein Problem wäre.

Bettina Reitz, 49, war zu diesem Zeitpunkt Fernsehspiel-Verantwortliche beim BR. Reiter, 67, der inzwischen pensionierte Aufsichtsratsvorsitzende der Degeto und altgediente Taktiker, wusste ja, dass Wilhelm, 50, bald einen neuen Fernsehdirektor braucht. Ende Mai 2012 wird Gerhard Fuchs, 64, verabschiedet. Wilhelm, der den BR seit Anfang Februar leitet, drückte im Frühsommer 2010 zwar große Wertschätzung für Reitz aus, er wolle sie allerdings besser kennen lernen. Reiter verstand und signalisierte: Wenn Reitz beim BR gebraucht würde, könne er, Wilhelm, sie jederzeit zurückholen.

Genau das wird Ulrich Wilhelm tun. An diesem Donnerstag wurde die Personalie Reitz bereits ausgiebig im Fernsehausschuss des Bayerischen Rundfunks diskutiert. Am 8. Dezember, bei der nächsten Sitzung, könnte Reitz auf Vorschlag des Intendanten von den Mitgliedern des Rundfunkrates gewählt werden. "Bettina Reitz steht für Qualitätsfernsehen und verfügt über internationales Renommee. Sie ist hoch geschätzt bei den Mitarbeitern", teilte der BR auf SZ-Anfrage mit. "Ulrich Wilhelm wird sie als neue Fernsehdirektorin vorschlagen."

Es wäre also eine Überraschung, würde sie nicht die Zustimmung im BR finden, wo sie mehr als achteinhalb Jahre die fiktionalen Projekte auf hohem Niveau etablierte, beispielsweise auch mit der Kino-Co-Finanzierung des Oscar-Gewinners Das Leben der Anderen.

Dass Wilhelm die übrigen Intendanten von seiner Absicht informierte, Reitz nach nur vier Jahreszeiten von der Degeto abzuziehen, lässt sich daran erkennen, dass erste Vorschläge für ihre Nachfolge zirkulieren. So soll - angeblich - WDR-Chefin Monika Piel ihre Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff zur Degeto entsenden wollen.

Verbrauch über Etat

Bettina Reitz war erst im Mai dieses Jahres in die Geschäftsführung der maßgeblich von MDR, dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), dem Südwestrundfunk(SWR) und dem BR betriebenen Degeto eingestiegen. Die ARD-Tochter hat einen jährlichen Etat von circa 400 Millionen Euro und liefert überwiegend Programm (Auftrags- und Gemeinschaftsproduktionen, Lizenzeinkäufe). Reitz sollte das Profil der Schnulzenfabrik (Traumhotel) modernisieren. Sie trat mit der Botschaft an, dass auch ein Melodrama anspruchsvoll umgesetzt werden könne.

Nach wenigen Monaten stellte sich heraus, dass Reitz so schnell nichts würde verändern können. Die Degeto ist bis Ende 2013 offensichtlich kaum handlungsfähig. Hans-Wolfgang Jurgan, 62, Degeto-Co-Geschäftsführer seit vielen Jahren, hatte, bevor Reitz anfing, einen Überhang an Produktionen bestellt, außerdem verbrauchte er anscheinend über Etat. Die ARD entschuldigte sich Ende September bei den deutschen Produzenten und machte 24 Millionen Euro frei, damit die Degeto fertig entwickelte Filme vertragsgemäß bezahlen kann.

Am 28. und 29. November soll den Intendanten bei ihrer Tagung in Bremen der "Reitze-Bericht" und eine Analyse der Wirtschaftsprüfer von KPMG vorgelegt werden. Helmut Reitze, Spitzenmanager des Hessischen Rundfunks (HR), in dessen Räumen die Degeto untergebracht ist, lenkt eine ARD-Task-Force. Findet sie heraus, wie es zur Verstopfung bei der Degeto kam? KPMG untersucht den Fall extern. Vom Ergebnis wird abhängen, ob Jurgan weitermachen darf.

Vor allem aber müssen sich die Intendanten nach dem angekündigten Ausstieg von Bettina Reitz überlegen, was die Degeto künftig sein soll: Wie bisher ein auch stark inhaltlich die bestellten Fiktionen prägender Partner? Oder eher Programmdienstleister, der die Herstellung der Filme in die Hände der beteiligten Landesrundfunkanstalten und Produzenten legt und sich auf eine sinnvolle, ausgewogene Verteilung der Mittel konzentriert? Dann wäre ein mit Fernsehindustrie und Controlling vertrauter Betriebswirt die erste Wahl.

"Gudn' Aamb!"

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