Das Phänomen Günther Jauch Deutschlands Fernseh-Präsident

Quotenkönig, Quizmaster und einer der beliebtesten Deutschen: Wer wie Günther Jauch auf tausend Sendungen "Wer wird Millionär?" kommt, ist ein Phänomen der Fernsehunterhaltung. Keiner spiegelt das Verhältnis vieler Zuschauer zu dem Medium so perfekt wider wie er. Sein Erfolgsgeheimnis ist, dass er auf so perfide Art uneitel wirkt, als gehöre er eigentlich gar nicht ins Fernsehen.

Von Christopher Pramstaller

Zwei Jahre nur würde es dauern, bis man Günther Jauch vergessen hat, träte er nicht mehr im Fernsehen auf. In der Theorie der Halbwertszeit für Fernsehleute hat die Hälfte der Zuschauer schon nach neun Monaten vergessen, dass eine Figur jemals da war. Nach noch einmal neun Monaten fällt eine weitere Hälfte der Verbliebenen weg. Neun Monate später erinnern sich nur mehr ein paar Ältere an ein einst bekanntes Gesicht. Günther Jauch muss das wissen. Die Halbwertstheorie stammt von ihm selbst. Und man kann sich sicher sein, dass er ziemlich genau nachgerechnet hat.

Wer seit Jahrzehnten dieselben Formate moderiert, ohne dass ihm die Zuschauer gelangweilt davonlaufen, der muss mehr präsentieren als bloße Unterhaltung.

(Foto: dpa)

Zwei Jahre also nur ohne Wer wird Millionär? und den Sonntagabend Politik-Talk, dann wäre Günther Jauch aus es dem Bewusstsein der Deutschen verschwunden. Ist das wirklich möglich? Vergisst man jemanden, der seit 30 Jahren in verschiedensten Programmen in der Öffentlichkeit präsent ist, jemanden, der Sternstunden des Fernsehens wie den "Torfall von Madrid" moderierte, und an diesem Freitag zum eintausendsten Mal in seine Quizshow lädt, so schnell?

Es gab immer wieder Fernsehfiguren, die eine Ära geprägt haben. In den sechziger und siebziger Jahren waren es Moderatoren wie Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff, später Figuren wie Wim Thoelke oder Rudi Carrell. Sie alle hatten einen derart festen Platz in deutschen Wohnzimmern, dass sich niemand vorstellen konnte, sie könnten plötzlich weg sein.

Vielleicht hat es in den Zeiten, in denen es nur eine Handvoll empfangbarer Fernsehsender gab, länger als zwei Jahre gedauert, bis sich jemand auch bei den letzten Fans aus dem Gedächtnis verabschiedet hatte. Doch irgendwann waren auch Frankenfeld und Kulenkampff aus der Erinnerung verschwunden. Daher ist Günther Jauch, der in Umfragen immer wieder als "beliebtester Moderator", ja sogar als "beliebtester Deutscher" gehandelt wird, davon überzeugt, dass er eines Tages auch aus der Zeit fallen wird.

Solange der 55-Jährige jedoch im Fernsehen zu sehen ist, bleibt er ein Phänomen. Wenn heute also die tausendste Folge von Wer wird Millionär? ausgestrahlt wird, dann wird Jauch das Format seit mehr als zwölf Jahren moderiert haben - eine unglaublich lange Zeit für das Privatfernsehen.

Sprachrohr der deutschen Befindlichkeiten

Seit dem 3. September 1999 hat er seinen 2051 Kandidaten dann knapp 27.000 Fragen gestellt. Selbst in den Duden hat er es mit den Begriffen "Telefonjoker", "Publikumsjoker" und "Fifty-fifty-Joker" geschafft. Und obwohl die Sendung schon lange nicht mehr die Quotenranglisten dominiert, wie es in ihren Anfangsjahren der Fall war, ist sie dennoch mehr als alles andere dafür verantwortlich, dass die Zuschauer dem gebürtigen Westfalen wie keinem anderen zutrauen, die deutschen Befindlichkeiten zu ergründen. Jeder scheint ihn durch zahllose Fernsehstunden zu kennen - ob beim Sport, den Talkshows oder eben beim Raten.

Die Dichotomie des deutschen Fernsehen lässt sich nicht besser darstellen als durch die Gegenüberstellung seiner beliebtesten Moderatoren: Günther Jauch und Thomas Gottschalk. Schon seit gemeinsamen Hörfunktagen in den 1980er Jahren beim Bayerischen Rundfunk teilen die beiden eine besondere Beziehung - und könnten dabei kaum unterschiedlicher sein.

Während Gottschalk mit seinen abgedrehten Outfits und den Prominenten auf dem Wetten, dass..?-Sofa für die Sehnsucht nach Exaltiertheit und Besonderem stand, war Jauch das bürgerliche Pendant, das immer bodenständig blieb. Pflichtbewusst, unprätentiös - fast ein bisschen langweilig. Immer jedoch mit einer kleinen Anekdote auf den Lippen. Einem kleinen Wissenshäppchen, zum Staunen serviert. Vielleicht ist die Popularität Jauchs auch ein wenig damit zu erklären, dass er in seinen zwölf Jahren Wer wird Millionär? etwa 74 Millionen Euro verschenkt hat. So jemanden mag man eben lieber als das Finanzamt.

Es passt ins Bild, dass Jauch, der Familienmensch, seit mehr als 20 Jahren in Potsdam lebt und nicht im hektischen Berlin. Immer darauf bedacht, sein Privatleben vor der Öffentlichkeit zu schützen, und auch nie vor einer Klage zurückzuschrecken, wenn ihm die Boulevardblätter zu dicht auf den Leib rücken.

Nicht einmal Boulevardjournalismus nimmt man ihm übel

Jauch ist dabei auf eine so perfide Art uneitel, dass er den Eindruck macht, er gehöre eigentlich gar nicht ins Fernsehen. Wahrscheinlich ist das auch sein Erfolgsgeheimnis: dass er das Verhältnis vieler Deutschen zum Unterhaltungsfernsehen so perfekt widerspiegelt. Eigentlich mögen wir es ja nicht, aber jetzt haben wir es schon mal eingeschaltet. Jauch hat man nicht einmal Boulevardjournalismus bei Stern TV übel genommen.

Die Zeiten des Halbwelt-Journalismus aus dem RTL-Spätprogramm sind aber ohnehin vorbei. Nach den gescheiterten Verhandlungen 2007, hat sich Jauch schließlich nicht nur den Platz als Unterhaltungsonkel bei Wer wird Millionär?, sondern gleich auch noch den Premium-Talkplatz in der ARD gesichert.

Bei der Quizsendung rührt er nicht mehr nur an der Seele des Normalbürgers - wie bei Stern TV - sondern hat die Möglichkeit, Normalbürger in unterhaltsame Gespräche zu verwickeln. Nach dem Tatort geht es am Sonntagabend mit den wichtigen Leuten dann um die großen gesellschaftlichen Fragen.

Der Preuße unter den Moderatoren ist ein Phänomen im immer schnelllebigeren Fernsehgeschäft. Wer seit Jahrzehnten dieselben Formate moderiert, ohne dass ihm die Zuschauer gelangweilt davonlaufen, der muss mehr präsentieren als bloße Unterhaltung.

Jeder zweite Deutsche hat sich diesen Günther Jauch in einer Emnid-Umfrage einst als Kanzler gewünscht. Vielleicht ist ihm bei seiner Halbwertstheorie doch ein Rechenfehler unterlaufen und es dauert länger als nur zwei Jahre, bis man ihn vergessen hat. Solange er im TV zu sehen ist, wird das ohnehin nicht geschehen.