"Das Literarische Quartett" Nach dem Polterabend

Thea Dorn hat in der ZDF-Sendung Maxim Biller beerbt.

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

Thea Dorn tritt zum ersten Mal als Nachfolgerin von Maxim Biller im "Literarischen Quartett" auf. Und kaum dreht sich nicht mehr alles nur um Lautstärke und Witz, geht es in der ZDF-Sendung tatsächlich mal wieder um Bücher.

Von Jens Bisky

Thea Dorn, die Neue im Literarischen Quartett, saß nicht auf dem Sessel, den Maxim Biller geräumt hatte, sondern dort, wo man sonst die Gäste platzierte. Sie vermied es überhaupt, die Rolle eines Großkritikers zu imitieren, der Noten vergibt und Ränge zuweist. Das passte gut zu einer Sendung, die mit der Erinnerung an Christopher Schmidt, den in der vergangenen Woche gestorbenen Literaturchef dieser Zeitung, begonnen hatte. Ihm waren Texte immer wichtiger als Imponiergehabe.

Wie befreit wirkte Christine Westermann, die mit Hanya Yanagiharas Monumentalschinken "Ein wenig Leben" ins Rennen ging und von der Diskussion Klärung ihrer Eindrücke erhoffte. Der Roman über Männerfreundschaft hatte sie hingerissen und abgestoßen zugleich. Volker Weidermann hatte beim Lesen geweint und die Überwältigung genossen. Schön schien ihm, dass der kritische Verstand mitunter aussetzte. Seine Spiegel-Kollegin Elke Schmitter dagegen, seit Kurzem Chefin des Kulturressorts, fühlte sich vom Cover wie vom Roman emotional erpresst. Das sei doch "Rosa für Jungs", bemerkte Thea Dorn spitz. Und so entstand, was das Quartett in der Vergangenheit viel zu selten war, ein Gespräch über Bücher. Nicht die Lautstärke, der Witz, die treffende Formulierung entschieden. Man hörte sich zu, griff Fragen auf. Zum ersten Mal dominierten Kritikerinnen die Runde. Wie albern die Gewohnheit ist, am Ende einen Punktestand zu verkünden, wurde überdeutlich. Westermann musste eigens darauf hinweisen, dass sie doch für Yanagiharas "Jungsroman" sei. Thea Dorn wollte eine Stimme dafür und eine dagegen abgeben.

Wer sich gern über Gepolter und autoritative Gesten amüsiert, mochte sich diesmal gelangweilt fühlen. Auf ihre Kosten kamen die Freunde spitzer, nachhaltig süffisanter Bemerkungen, gleichgültig ob diese in lobender oder tadelnder Absicht geäußert wurden. Martin Walsers "Statt etwas oder Der letzte Rank"? "Totenbettprosa", "wie von Tolstoi ", meinte Thea Dorn, "alter Mann, nach Diktat verreist", sagte Weidermann. Der Schostakowitsch-Roman "Der Lärm der Zeit" von Julian Barnes hatte für Elke Schmitter "ein bisschen was Gehäkeltes", und Thea Dorn störte sich an der "Weibchenhaftigkeit" in "I Love Dick" der Autorin Chris Kraus.

Zwei Ärgernisse blieben auch in dieser unterhaltsamen Runde. Es ging um überall schon diskutierte Titel, keine Entdeckungen, nichts Überraschendes. Man sprach, fasste Thea Dorn zusammen, über Bücher von und über Menschen, die sich nicht ertragen können, über Werke, in denen man nichts von Gesellschaft spürt. Da hilft dann auch kein Scherz über Jungs- und Mädchenbücher, kein Genderwitz. Die Auswahl war für alle Geschlechter ohne jedes Risiko. Zum Zweiten reichte wieder einmal die Zeit nicht, 45 Minuten ist zu kurz für vier Bücher, wenn diese wirklich besprochen und nicht nur angebrüllt werden sollen.