Das Ende der "Oprah Winfrey Show" Eine Frau wie Amerika

Wie keine andere hat sie es verstanden, die vielen kleinen und großen Tragödien in ihr Fernsehstudio zu holen. Einfühlsam entlockte sie ihren berühmten und ganz normalen Gästen große Bekenntnisse. Nun hört Oprah Winfrey nach 25 Jahren auf.

Von Reymer Klüver

Passender hätte es gar nicht sein können zum großen Finale. Nach einem Vierteljahrhundert, in der sie zur Königin des Plauderfernsehens aufgestiegen ist, zur Beichtmutter, zur Erzieherin der Nation und es nebenbei zur ersten schwarzen Milliardärin Amerikas gebracht hat, nach 25 Jahren also hört Oprah Winfrey auf. An diesem Mittwoch wird sie das letzte Mal live als Gastgeberin der nach wie vor beliebtesten Talkshow der USA auftreten.

Zum Abschied lieferten ihre zahlreichen prominenten Fans - von Aretha Franklin über Usher bis hin zu Tom Hanks - Oprah Winfrey eine große Show.

(Foto: AP)

Und zur großen Abschiedsgala, die vor dieser letzten Folge der Oprah Winfrey Show ausgestrahlt wurde, ist ausgerechnet Maria Shriver gekommen, die betrogene Ehefrau von Ex-Gouvernator Arnold Schwarzenegger. In ihrer finstersten Stunde ist sie da und strahlt auf der Bühne, als wolle sie die Verkörperung schlechthin sein von Oprahs Botschaft, dass man trotz aller Rückschläge mit Willensstärke und Disziplin, Glauben an sich selbst und dem Vertrauen aufs eigene Gefühl auch die dunkelsten Momente im Leben überwinden kann - ach ja, und dass es auch den Prominenten, den scheinbar vom Glück Gesegneten, nicht anders geht als dir und mir.

Gut, Maria Shriver ist nicht die einzige, die gekommen ist, Oprahs vorletzte Stunden auf dem Bildschirm zu teilen. Madonna ist da und Beyoncé, Tom Hanks moderiert, Aretha Franklin singt, genauso wie Stevie Wonder und Usher. Michael Jordan ist dabei, Halle Berry, Will Smith und Jamie Foxx, Tom Cruise und Katie Holmes. Eine Parade der Superstars. Und wer war nicht alles zu Oprah gekommen in den Wochen und Monaten vor der Abschiedsstunde: Teenie-Star Miley Cyrus und Altrockerin Stevie Nicks, Palin-Parodistin Tina Fey und Jon Stewart, Barbra Streisand, Liza Minelli, John Travolta und J. K. Rowling, der sie entlockte, dass die Britin "bestimmt" noch einen achten Harry-Potter-Band schreiben könnte (wenn sie denn wollte). Selbst der Präsident der Vereinigten Staaten und die First Lady kamen zu ihr auf die Couch. Fehlte noch die Reinkarnation von Michael Jackson.

Eingefleischte Oprah-Fans hätten ihr auch das zugetraut. Ganz sicher. Alle huldigten der Königin des Talk-TVs. "Du warst mir ein Vorbild", gesteht Basketballer Jordan. "Ich verspreche dir, noch mutiger zu werden und niemals aufzugeben", schwadroniert Madonna. Und Jada Pinkett, die Hollywood-Schöne, flötet: "Wir lieben dich, du bist eine Göttin." Oprah, die so in den Himmel Gehobene, nimmt das alles gnädig auf. "Danke", sagt sie in ihrem unnachahmlich verquasten Ton, "danke, dass ihr mich an einen Ort unvergleichlicher Freude geführt habt." Und Usher singt: "Oh Happy Day".

Im Schnelldurchlauf hatte Oprah in den letzten Wochen Revue passieren lassen, was ihre Show so erfolgreich und aus dem als Oprah Gail Winfrey geborenen Mädchen aus dem Kleinstädtchen Kosciusko im tiefsten Mississippi die "mächtigste Frau Amerikas, wenn nicht der Welt" gemacht hatte, wie das US-Nachrichtenmagazin Time mehrmals schrieb. Anrührende Momente ließ sie wieder einspielen, etwa als sie einem Mädchen, das als Waise des Völkermords in Ruanda in die USA gekommen war, zwölf Jahre später ihre Eltern vor laufender Kamera zurückgab (sie hatten in den Wirren überlebt, und Winfreys Team hatte sie aufgespürt). Jetzt war das Mädchen noch einmal zu Gast. Sie studiert mittlerweile an der US-Eliteuniversität Yale, und immer, wenn der Druck übermächtig zu werden droht, so erzählt sie, schaut sie ihre Federtasche an, den einzigen Gegenstand, der ihr aus Afrika geblieben ist: "Dann weiß ich, dass das nichts bedeutet gegenüber all dem, was ich durchgestanden habe."

Es sind diese anrührenden persönlichen Offenbarungen ihrer Interviewgäste, die Oprah Winfreys Couch-Show so erfolgreich gemacht haben - und ihre Fähigkeit und Begabung, die einfühlsamen Fragen zu stellen, die behutsam zu diesen Bekenntnissen führen. Wie keine andere hat sie es verstanden, die vielen kleinen und großen Tragödien im amerikanischen Alltag in ihr Fernsehstudio zu holen. Im Laufe der Jahre hat sie immer wieder ihre persönliche Glaubensvariante des amerikanischen Traums gepredigt: Nicht nur, dass wir ein Recht auf ein bisschen Glück und ein besseres Leben haben, sondern dass in uns die Kraft wohnt, ein besserer Mensch und damit glücklicher zu werden. Sie hat, wie die Fernsehkritikerin Rebecca Traister jetzt schrieb, Millionen von Zuschauern ermöglicht, "sich selbst im Fernsehen zu sehen".

Für eine ihrer letzten Shows hat sie den Polo-Shirt-Milliardär Ralph Lauren auf seiner Riesen-Ranch in Colorado besucht. Und es war überdeutlich, dass sie sich gespiegelt sah in seinem nicht minder märchenhaften Aufstieg von einem jüdischen Einwanderer-Sohn aus der Bronx zum Chef-Designer Preppie-Amerikas. "Ich habe das Gefühl, dass ich Amerika repräsentiere", entlockte Winfrey dem alten Knaben, "dass ich Botschafter bin. Ich bin nicht Präsident Obama, aber ich bin sein Assistent." Besser hätte Oprah kaum beschreiben können, wie sie selbst ihre Rolle sieht.

Gewiss, die Zuschauerzahlen gingen zurück, kontinuierlich. Von 12,6 Millionen Zuschauern in ihren besten Zeiten Anfang der neunziger Jahre auf zuletzt gut sechs Millionen. Zwar ist der Oprah-Effekt bis heute noch mächtig. Zwei Wissenschaftler von der Universität von Maryland wollen herausgefunden haben, dass ihre Wahlkampfauftritte dem Kandidaten Barack Obama Hunderttausende zusätzlicher Stimmen gebracht haben. Oprahs Buchempfehlungen ließen Verlage jubilieren, weil sie mitunter für Millionenauflagen gut waren.

Ihre Zugkraft zeigte aber doch leichte Verschleißspuren. So steckt ihr, im Januar mit großer Fanfare gestarteter eigener Kabelkanal OWN tief in der Krise. Anfang Mai wurde die Chefmanagerin entlassen, das Programm zieht gegenwärtig im Schnitt 283000 Zuschauer an und das in der Prime Time, also zur besten Abendfernsehzeit.

Oprah Winfrey selbst gesteht zu: "Wir sind nicht da, wo wir sein wollten." Ihr Nimbus indes dürfte noch nicht angekratzt sein. Sie kann so viel krudes Zeug erzählen, wie sie will. Kann von Eingebungen unter der Dusche künden - die Leute werden weiter an ihren Lippen hängen und sie als Oprah, als amerikanisches Gesamtkunstwerk, verehren. "Du wirst unser Engel bleiben, unsere Inspiration, unsere Mama, unsere Schwester, unsere Tochter", hatte Jane Fonda, die Schauspielerin, in der Abschiedsgala die Rollen Winfreys ziemlich treffend zusammengefasst: "Du wirst weiter unser Ein und Alles sein: für Abermillionen von uns."