"Cumhuriyet"-Chefredakteur Can Dündar "Erdoğan will Sultan sein"

Der Politikwissenschaftler Can Dündar, 54, ist einer der bekanntesten Journalisten der Türkei. Seit 2015 ist er Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet.

(Foto: Ozan Kose/AFP)

Can Dündar, Chefredakteur der türkischen Zeitung "Cumhuriyet", saß im Winter wegen kritischer Berichte drei Monate in Untersuchungshaft. Am Freitag beginnt der Prozess gegen ihn.

Interview von Mike Szymanski

Can Dündar, Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet findet, dass es keine besseren Zeiten gibt, um Journalist in der Türkei zu sein - wenn man nur mutig genug für den Job ist. Er lehnt sich in seiner Ledersofa-Konferenzlandschaft zurück. Im Hof der Redaktion in Istanbul steht ein Sicherheitsmann mit der Hand am Abzug der Maschinenpistole. Dündar, 54 Jahre alt, und dem Hauptstadtkorrespondenten der Zeitung drohen lebenslange Haftstrafen, weil sie über angebliche Waffenlieferungen des Staates an Islamisten in Syrien berichtet haben. Sie stehen von Freitag an wegen Spionage- und Terrorvorwürfen vor Gericht. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hat angekündigt, dass für ihn in Zeiten des Anti-Terror-Kampfes Meinungs- und Pressefreiheit hinten anstehen müssten.

SZ: Herr Dündar, wie ist es für Sie und Ihre Kollegen, heute Zeitung in der Türkei zu machen?

Can Dündar: Es ist ein gefährliches Abenteuer. Wir müssen zweimal nachdenken, was wir schreiben. Was wir als Schlagzeile bringen. Was wir in diesem Gebäude, in dem wir uns gerade befinden, über den Staatspräsidenten sagen.

Haben Redakteure aus Angst vor Verhaftungen die Zeitung verlassen?

Nein. Im Gegenteil. Viele sind noch engagierter dabei, widerstandsfähiger, würde ich sagen. Wir versuchen so zu bleiben, wie wir sind. Als unser Ankara-Korrespondent und ich in Untersuchungshaft waren, haben die Kollegen jeden Tag berichtet. Das ist genau die richtige Zeit für Journalisten. In Finnland wäre es doch ziemlich langweilig, Journalist zu sein. Dort ereignen sich Verkehrsunfälle, und manchmal nicht einmal das. Wir befinden uns in einem Kampf für Demokratie.

Wie wird dieser Kampf ausgehen?

Das hängt von uns ab: Wenn wir stark und mutig genug sind, dann holen wir uns das Land aus den Händen dieses autoritären Herrschers zurück. Es ist ein Tauziehen zwischen den autoritären Kräften und den Demokraten im Land. Wenn wir nicht stark genug sind, verlieren wir am Ende alles. Zuerst unseren Frieden.

Ihr Prozess wegen der Berichte über angebliche Waffenlieferungen an Islamisten beginnt am 25. März. Mit welcher Strategie gehen Sie in das Verfahren?

Wir werden sagen: Das, was wir gemacht haben, ist kein Akt des Terrors , wie uns vorgeworfen wird. Das ist Journalismus. Egal ob es sich um ein Staatsgeheimnis handelt oder nicht. Für uns als Journalisten zählt: wahr oder nicht? Als Journalist habe ich entschieden: Wir veröffentlichen die Geschichte, weil sie wahr ist.

Was bedeutet der Prozess für die Pressefreiheit in der Türkei?

Der Prozess ist ein Wendepunkt. Der Staat und die Öffentlichkeit werden entscheiden, ob es von nun an noch freien Journalismus in der Türkei geben wird oder nicht. Wenn dieses Gericht entscheiden wird, mich und meinen Kollegen wieder zu verhaften, dann ist das nicht nur eine Bestrafung für uns, sondern auch für alle anderen Journalisten. Das ist dann der Preis, den man bereit sein muss, zu bezahlen.

Was wird aus Ihrer Zeitung, wenn Sie verhaftet werden?

Wir sind vorbereitet. Kollegen werden übernehmen und die Arbeit fortsetzen. Während meiner dreimonatigen Untersuchungshaft hat die Zeitung weitergemacht. Das hat perfekt funktioniert. Es wird kein Problem geben.

Wie in der Gesellschaft gibt es - so scheint es jedenfalls - auch im türkischen Journalismus fast nur noch ein Dafür- oder-dagegen. War das immer so?

Es war immer so, aber bei Weitem nicht so ausgeprägt. Im Journalismus spiegelt sich die Polarisierung, die wir im Land erleben. Was sich wirklich verändert hat, ist die Eigentümerstruktur hinter den Medien. Der Präsident hat Geschäftsleute, die ihm nahestehen, dazu gebracht, Zeitungen und Sender zu kaufen. Wir haben neue Medienmogule. Aus Mainstream-Presse sind Präsidenten-Sprachrohre geworden. Presse, die ihm applaudiert. Die Cumhuriyet ist eines der letzten Beispiele für unabhängige Medien in der Türkei. Deshalb sind wir ins Visier geraten. Wir haben schon viele Angriffe erlebt. Diese Zeitung hat einen sehr hohen Preis für die Demokratie bezahlt.

Muss sich auch der Journalismus in der Türkei verändern, besser werden?

Natürlich. Wir müssen über Zensur reden, über Selbstzensur. Wir müssen die Gewerkschaftsarbeit neu organisieren. Wir müssen unsere Beziehungen zur Regierung und zu den Eigentümern klären. Im Moment haben wir einen Kampf zwischen den Medien und der Regierung. Den müssen wir zuerst gewinnen. Wir werden den Journalismus danach von Grund auf neu aufbauen müssen. Das wird viel Zeit beanspruchen.

Wann war die beste Zeit für Journalisten in der Türkei?

Meinen Sie eine Zeit, in der wir freier waren? Die Türkei war nie ein Paradies für Journalisten. Die härteste Zeit erleben wir aber unter Erdoğan.

Wie war der Anfang, als Erdoğans islamisch-konservative AKP 2002 an die Macht kam?

Es war wie Flitterwochen. Die AKP war freundlich und smart. Sie sprach immer viel über Demokratie und Freiheit und über europäische Werte und Ideale. Viele türkische Liberale waren angetan von ihrem Auftreten. Vor fünf Jahren hat die AKP begonnen, sich komplett zu verändern.

Was war der Wendepunkt, die Proteste im Kampf um den Gezi-Park in Istanbul?

Der Gezi-Widerstand 2013 war wichtig. Zum ersten Mal nahm Erdoğan wahr, dass die Leute auf der Straße gegen ihn sind. Und er nahm wahr, dass die Bewegung mächtig genug ist, ihn loszuwerden. Deshalb schlug er so hart zurück.

Erdoğan will die Verfassung ändern, sich mehr Macht geben. Er stellt das Verfassungsgericht infrage, das in Ihrem Fall die Untersuchungshaft für rechtswidrig erklärt hatte. Wo führt das hin?

Erdoğan will Sultan sein. Nicht nur für die Türkei. Sondern für die islamische Welt. Europa interessiert ihn nicht. Er hat eine andere Welt in seinem Kopf.

Sind Sie enttäuscht vom Verhalten der Europäischen Union? In der Flüchtlingskrise sind Fragen der Pressefreiheit in der Türkei in den Hintergrund geraten.

Ja, zutiefst. Als türkische Demokraten glauben wir an europäische Ideale. Im Moment erleben wir, wie Erdoğan Europas Führer in seiner Hand hält. Die EU unterstützt Erdoğan, weil es in ihrem Interesse liegt, dass die Türkei die Flüchtlinge nicht nach Europa lässt. Die EU zahlt seinen Preis und lässt ihn dafür in seinem Land gewähren. Es ist ein schmutziges Geschäft. Das kann nicht gutgehen. Erdoğan hat keinen Sinn für Demokratie. Europa muss das begreifen.