Computerprogramme als Journalisten Vollautomatische Berichterstattung

Computerprogramme analysieren neuerdings Baseball- und Football-Spiele, Börsentrends und Millionen Twitter-Nachrichten und fabrizieren daraus Texte. Sie übernehmen somit die Arbeit von Journalisten. Doch können sie deren Leistung auch ersetzen?

Von Christoph Behrens

"Für die Angels sah es düster aus, als sie im neunten Inning zwei Runs zurücklagen. Doch dank der Einzelleistung Vladimir Guerreros erholte sich Los Angeles und gewann sieben zu sechs gegen die Boston Red Sox. 'Ja, das war sicher der wichtigste Schlag meiner Karriere', sagte Guerrero, 'ich widme ihn einem früheren Mitspieler'. . ."

Diesen Bericht über ein amerikanisches Baseball-Spiel hat kein Mensch geschrieben. Ein Computer hat das Spiel analysiert, Fouls, Treffer und das Endergebnis gescannt, Vladimir Guerrero als herausragenden Spieler identifiziert und sogar online ein Zitat von ihm herausgesucht. Und er hat anschließend in rund zwei Sekunden einen Artikel geschrieben, für den ein Mensch deutlich länger gebraucht hätte.

Stellen Sie sich vor, man könnte einen Knopf drücken und damit auf magische Weise eine Geschichte über ein Baseball-Spiel erzeugen", heißt es auf der Website der Northwestern University aus Chicago. "Genau das tut das Stats Monkey System." Aus rohen, von Menschen vorgefertigten Textbausteinen destilliert das System einen dynamischen Text, der das Baseballspiel beschreibt.

War es ein Kantersieg? Lag eine Mannschaft zuerst vorne, verlor dann aber die Nerven? Oder ging es ständig zwischen beiden Teams hin und her? All das entscheidet die Software selbstständig in Sekundenbruchteilen und strickt daraus ihre Erzählung.

Stats Monkey entstand 2009 aus einer Spielerei des Informatik-Professors Larry Birnbaum. Er setzte Informatik-Studenten und Journalistenschüler zusammen in eine Klasse, und gab ihnen den Auftrag, eine Software zu schreiben, die rohe Daten in eine Erzählung verwandeln kann. Die Journalisten lieferten die Textbausteine, die Techniker puzzelten sie zusammen.

Einer der Studenten schrieb für die Lokalzeitung über College-Baseball, er lieferte die Buchstaben-Ursuppe für den Computer, brachte ihm bei, wie Baseball funktioniert. Relativ schnell wurde ein Investor aufmerksam. Mit einer Finanzspritze von sechs Millionen Dollar gründete das Team 2010 die Firma Narrative Science.

Einer der ersten Kunden war ein Nachrichtenportal für College-Sport. In den USA spielen die Begegnungen zwischen Universitäten in Football, Basketball oder Baseball eine große Rolle, doch Journalisten finden nicht immer die Zeit, über jedes Spiel zu berichten.

Die Text-Maschine fand hier eine perfekte erste Nische. 2011 schrieb sie nach Informationen der US-Zeitschrift Wired selbständig bereits rund 400.000 Artikel - in diesem Jahr sollen es rund 1,5 Millionen sein. Auch für Kinder-Ligen, für die Daten nicht online verfügbar sind, funktioniert die Technik. Hier können die Eltern über das iPhone einfach selbst Treffer und Spielergebnisse ihrer Kinder eintippen, die Software schreibt dann den passenden Text.