Bundespräsident in der Kritik Warum Wulff seinen Anruf bei der "Bild" lieber nicht veröffentlicht sehen will

Es war das Thema der vergangenen Woche: Die diversen Anrufe von Christian Wulff bei den Spitzen des Axel-Springer-Verlags und beim Chefredakteur der "Bild"-Zeitung. Was bezweckte der Bundespräsident mit seiner Hinterlassenschaft auf Diekmanns Mailbox, wie kam der Inhalt der Aufzeichnung an die Öffentlichkeit - und warum?

Von Ralf Wiegand

Es war das Thema der vergangenen Woche: Die diversen Anrufe von Christian Wulff bei den Spitzen des Axel-Springer-Verlags und beim Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, beschäftigten die Redaktionen in der ganzen Republik. Was bezweckte der Bundespräsident mit seiner Hinterlassenschaft auf Diekmanns Mailbox, wie kam der Inhalt der Aufzeichnung an die Öffentlichkeit - und warum? Welches Spiel spielen der höchste Mann im Staat und der oberste Redakteur des Boulevard-Riesen da miteinander? Die Regeln dieses Spiels sind noch immer nicht klar, obgleich inzwischen jeder dabei zusehen kann, wie Diekmann und Wulff jeweils den nächsten, den finalen Zug suchen.

Spätestens seit dem vergangenen Mittwoch, als der Bundespräsident im Interview mit ARD und ZDF behauptete, er habe mit seinem Anruf den ersten Bild-Bericht über seinen Immobilienkredit lediglich verschieben, aber keinesfalls verhindern wollen, hat die Partie an Schärfe gewonnen. Tags darauf konterte die Bild-Zeitung mit einem offenen Brief an Wulff, in dem sie den Bundespräsidenten um Erlaubnis bat, den gesamten Inhalt des Anrufs auf Diekmanns Mailbox öffentlich zu machen. Man habe Wulffs TV-Interview "mit Verwunderung zur Kenntnis genommen", hieß es in dem von Diekmann unterzeichneten Schreiben. "Um Missverständnisse auszuräumen, was tatsächlich Motiv und Inhalt Ihres Anrufs angeht, halten wir es für notwendig, den Wortlaut Ihrer Nachricht zu veröffentlichen." Das wolle Bild aber nicht ohne Zustimmung des Präsidenten tun, um die man ihn "im Sinne der von Ihnen gewünschten Transparenz" öffentlich bat.

Und schon saß Wulff, keine 20 Stunden nach dem als Befreiungsschlag gedachten Fernsehinterview, wieder in der Patsche: Stimmt das Staatsoberhaupt der Veröffentlichung des Mailbox-Inhalts zu, könnte sich zwar tatsächlich jeder selbst ein Bild machen, ob Wulff mit seiner Ansicht recht hat, er wollte nur Aufschub erreichen - oder doch die Bild-Redaktion mit ihrer Darstellung, Wulff habe den Artikel ganz verhindern wollen. Zu lesen wäre dann das Protokoll einer enttäuschten Liebe: Wulff, changierend zwischen Wut und Wehmut, beklagt das zerbrechende, bis dato doch gute Verhältnis zu Springer, droht in einem Moment, gegen die Methoden der Journalisten strafrechtlich vorzugehen, und fleht im nächsten, mit den Präsidentenjägern an einen Tisch zu kommen, um über die Regeln des bevorstehenden Krieges zu sprechen. Wulffs Aufsager so zusammenzufassen, dass er damit lediglich die Verschiebung des für ihn schädlichen Berichts um einen Tag erreichen wollte, müsste jedem - außer Christian Wulff selbst - sehr schwerfallen.

"Außergewöhnlich emotionale Situation"

Der Bundespräsident lehnte die Bitte Diekmanns um Freigabe des Mailbox-Textes also ab. Er sei, schrieb Wulff Bild wiederum öffentlich am Donnerstag zurück, in einer "außergewöhnlichen emotionalen Situation", gewesen, als er Diekmann angerufen habe. Der Inhalt sei "ausschließlich für Sie und sonst für niemanden bestimmt". Er, Wulff, habe sich entschuldigt, Diekmann habe die Entschuldigung angenommen. "Damit war die Sache zwischen uns erledigt. Dabei sollte es aus meiner Sicht bleiben." Wulff wird sich zwar nicht mehr Wort für Wort an seinen Anruf vom 12. Dezember 2011 erinnern, aber er dürfte doch ahnen, dass eine wörtliche Wiedergabe mit allen emotionalen Zwischentönen weiter an der ohnehin schon angeschlagenen Würde des Amtes zehren würde. Der Bundespräsident als Wutbürger - unvorstellbar. Bild nahm schließlich bedauernd zur Kenntnis, dass Wulff eine Veröffentlichung ablehnt - und übersandte ihm das Protokoll seines eigenen Anrufs.

Die wichtigsten Wulff-Zitate von der Mailbox sind ohnehin längst auf dem Markt: "Rubikon überschritten", "Krieg führen", "endgültiger Bruch mit Springer" - mit diesen unauffällig in ein analytisches Stück eingestreuten Zitaten hatte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) den ersten Hinweis auf Wulffs Anruf bei Diekmann gegeben. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung eher versehentlich - schon länger soll das brisante Material bei mehreren Redaktionen gelegen haben, unter anderem bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dem angeblichen Drängen der Bild-Leute, es auch zu veröffentlichen, sei aber niemand gefolgt. Bei der FAS seien die Zitate nur gelandet, weil sie die zeitlichen Abläufe der sich anbahnenden Krise um Wulff dokumentieren halfen.

Sprengkraft bekam Wulffs Telefonat erst nach der Berichterstattung der SZ am vergangenen Montag. Diese Zeitung hatte von dem möglichen Anruf des Präsidenten bei Bild tatsächlich erst Sonntag aus der FAS erfahren und dann recherchiert - mit Anfragen bei Springer, dem Bundespräsidialamt und Wulffs Anwalt. Das Ergebnis dieser Recherchen war die Berichterstattung in der SZ. Die Reaktionen darauf hatten Wulff letztlich gezwungen, sich ARD und ZDF zu stellen. Danach sollte das Spiel vorbei sein, hoffte er Bundespräsident - und täuschte sich einmal mehr.