Besuch in einem Versuchslabor Aufbruch ins Ungewisse

Jochen Arntz, 51, volontierte nach Geschichts- und Germanistikstudium bei der Berliner Zeitung, wo er zunächst bis 2007 arbeitete. Seit November 2016 ist er ihr Chefredakteur.

(Foto: Inga Kjer / dpa)

Mit ihrer engen Kooperation stemmen sich "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier" gegen Auflagenverluste. Das Projekt, das 2018 profitabel sein soll, führt fremde Welten zusammen und spaltet die Redaktionen.

Von Jens Schneider

Drei Chefredakteure teilen sich ein Büro. Hinter einer Glaswand am Rande der neuen Redaktionsräume sitzen Jochen Arntz, Elmar Jehn und Thilo Knott eng beieinander. Eine Glaswand trennt sie vom Großraumbüro. Was immer sie an diesem Tisch machen, die anderen werden es mitbekommen.

Gemessen an dem, was Chefs sonst gern an Raum einnehmen, ist diese Anordnung zurückhaltend. Sie ist ein Statement. Sie zeigt, dass hier bei knappen Kassen fremde Welten zusammenwachsen sollen.

Zwei Stockwerke in der Alten Jakobstraße, dort wo Berlin-Mitte an Kreuzberg grenzt, stehen für einen radikalen Bruch in der Geschichte zweier Zeitungen mit viel Tradition. Von Abbruch reden viele, seltener von Aufbruch.

Über Jahrzehnte wurden die Berliner Zeitung und das Boulevardblatt Berliner Kurier am Alexanderplatz produziert - starke, stolze Blätter aus dem Osten, ihre Embleme prangen noch über dem dortigen Verlagshaus. "Es fühlt sich an wie ein ernsthafter Neuanfang. Ich glaube, es gibt deshalb eine Aufbruchsstimmung", sagt Jochen Arntz über das Projekt, dessen Entstehung von viel Zorn begleitet war. Er ist seit November Chefredakteur der Berliner Zeitung. Arntz war früher schon bei dem Blatt, dann lange bei der Süddeutschen Zeitung, bevor er nach Berlin zurückkehrte. Gemeinsam mit Elmar Jehn vom Kurier und dem Digitalchef Thilo Knott führt er Redaktionen zusammen, die einander als Gattung so fremd sind wie ein Abonnement-Theater und eine Varieté-Bühne.

Die Zeitungen erscheinen getrennt, aber werden zusammen in einer neuen Firma produziert, der "Berliner Newsroom GmbH". So bilden alle Lokalredakteure ein "Team Regio". Oft schreiben Autoren nun für beide Titel. Bisher hatten sie nicht mehr als den Verleger gemeinsam, die DuMont Mediengruppe, und eine dramatische Abwärtsdynamik bei den Auflagen.

Jeder konnte sich neu bewerben. Viele bekamen signalisiert, dass man sie wollte, andere nicht

Die Berliner Zeitung war mal eine der wichtigsten Stimmen in der Hauptstadt und wollte noch viel mehr sein. Heute mag in der Redaktion keiner mehr hören, dass nach der Wende der Herausgeber Erich Böhme ankündigte, das Blatt solle Deutschlands Washington Post werden. Der Verlag Gruner + Jahr hatte große Pläne für die einstige Bezirkszeitung aus Ostberlin.

Die Expansion scheiterte auf dem extrem schwierigen Berliner Zeitungsmarkt wie viele Versuche danach. Andere Verlage versuchten sich. Einzige Konstante war der Rückgang der Auflage, von einst über 200 000 auf 101 272 Ende 2016. Auch der Kurier verlor. Beide sind Platzhirsche im Osten, werden im Westen kaum gelesen. Im Oktober verkündete DuMont den radikalen Schnitt, weil nur so das Ende abzuwenden sei. 140 Stellen sollte der Newsroom haben, 50 weniger als die Redaktionen bisher.

Das löste Bitterkeit aus. Von Trickserei und einem entwürdigenden Verfahren sprechen einige Betroffene: Die Berliner Zeitung habe ihre Seele verloren. Manche Journalisten gingen, obwohl sie ein Angebot bekamen. Andere verloren nach Jahren ihren Job, sie bitten um Vertraulichkeit, mit Rücksicht auf ihre Abfindung.

Die Chefs suchten ihr Team zusammen. Dabei konnte sich jeder bewerben, oft um den modifizierten alten Job. Viele bekamen signalisiert, dass man sie wollte, andere nicht. Dazu kamen 450 Bewerber von außen. Wochenlang führten die Chefs Gespräche. Sie hätten versucht, ein belastendes Verfahren anständig und auf Augenhöhe zu gestalten, ist von Redakteuren zu hören. Es gibt auch andere Stimmen.

"Der ganze Auswahl-Prozess war natürlich unterirdisch, insbesondere das monatelange Hinhalten, um die Produktion bis zum Umzug zu sichern. Das empfanden die Kollegen als erniedrigend, auch weil sie sich auf ihre eigenen Stellen bewerben mussten", sagt Renate Gensch, die Betriebsratsvorsitzende des alten Berliner Verlags ist - und zu denen gehört, die kein Angebot bekamen. "Ich bin jetzt hauptsächlich mit den Abwicklungen beschäftigt", sagt Gensch. Sie beklagt einen "unsensiblen Umgang mit Leuten, denen gekündigt wurde". Sie höre von Kollegen nichts Gutes über den Start im neuen Gebäude. Die Stimmung sei schlecht, Kollegen würden über zu viel Arbeit klagen, "es fehlen einfach die Leute".

Der Übergang sei eine Art "Bauerntheater" gewesen, weil der Verlag versucht habe, "den Schnitt als was Neues zu verkaufen", sagt einer, der weiter dabei ist und einen moderaten Blick hat. Kollegen schrieben nun halt erst den Text für die eine, dann für die andere Zeitung, etwas kürzer, weniger komplex für den Kurier. Alle wollten eine gute Zeitung machen und am Markt bestehen. Das Klima sei in Ordnung, die Führung kollegial, um ein Gefühl des Aufbruchs bemüht.

"Wenn es ein reines Sparprogramm gewesen wäre, hätten wir es nicht gemacht", sagt Elmar Jehn. Durch die Zusammenarbeit sei mehr Resonanzraum entstanden: "Es ist was anderes, ob du morgens mit sechs oder sieben Leuten diskutierst oder mit 25." Ein Investigativ-Ressort entsteht, auch mit Journalisten von außen. Zugleich gibt es Verluste. Namhafte Redakteure vor allem aus dem Feuilleton haben Verträge abgelehnt. "Es ist schade, dass auch Leute gegangen sind, die wir gern halten wollten. Aber wir sind sicher", sagt Arntz, "dass wir die DNA dieser Zeitung erhalten haben".

An der Berliner Zeitung fällt auf, dass auf den ersten Seiten eine entschiedenere Ansprache versucht wird. Das Blatt hatte zuletzt an Relevanz in Berlin eingebüßt. Aus der Redaktion ist freilich auch zu hören, dass weiter hinten zuweilen die Autoren fehlten für gute Geschichten. Anders als bei all den Neustarts vorher ist kein Relaunch geplant. Entwicklungen sollen aus der Redaktion entstehen. "Was hier eigentlich passiert, ist der Aufbau eines neuen Verlages", findet Arntz. Für das Überleben wird wichtig, wie gut die digitale Vermarktung funktioniert, die als ausbaufähig gilt.

Ein Satz fällt oft in den Gesprächen über diesen Hybrid: Jeder mache das Beste aus der Lage. Manche sähen es als Chance, sagt ein Redakteur. Andere hätten lieber gleich die Abfindungen genommen. "Die Höhe war so, dass man ins Nachdenken kam." Wer wisse denn, was in zwei Jahren sei? Jochen Arntz sagt: "Es gab einen Moment, als die Leute merkten: Die wollen wirklich was Neues, da wollen wir dabei sein."

Es heißt bei DuMont, 2018 soll das Projekt in Berlin profitabel sein. Dafür würde es nach den Einsparungen schon reichen, die Auflagen zu halten. Auch das wäre nach den letzten Jahren ein großer Erfolg.