Besuch im Studio Guten Morgen, Afghanistan!

Moderatorin in Uniform: Hauptfeldwebel Christin Rudolf gehört seit acht Jahren zum 64-köpfigen Team von Radio Andernach.

(Foto: Bundeswehr)

Vom rheinland-pfälzischen Mayen aus unterhält Radio Andernach Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz. Die Stimmung ist locker, ohne allzu flapsig zu sein. Man sendet schließlich immer noch aus einer Kaserne.

Von Hans Hoff

Ein gewöhnlicher Maitag. Das Radio dudelt. Aus den Boxen dröhnt der übliche Mainstream. Ein Song von MC Hammer, ein bisschen Alternative Rock aus Schweden, und dann ist da auch noch der unvermeidliche Oldie, der vom "Spirit In The Sky" erzählt. Man kennt dieses Format, bei dem das angeblich Beste von heute mit Gerngehörtem von gestern gemischt und zwischen die Lieder ein paar launige Ansagen gestreut werden. So etwas ist vertraut von SWR 3 oder Antenne Bayern. Alles ganz normal hier. Radioalltag in Deutschland. Wenn da nicht die besonderen Einschübe wären.

"Das ist das Einsatzradio, Radio Andernach, das Einsatzraaaaadiooo. Live aus dem Studio in Deutschland." So tönt der Jingle vom rheinland-pfälzischen Mayen in die Welt. Also nicht in die ganze Welt, sondern in die Einsatzgebiete der Bundeswehr. Überdeutlich wird das nach den Nachrichten. Eine Stimme sagt launig "Das Wetter", und dann kommt der Wetterfrosch Olli. "Hallo aus Masar-i-Scharif. Bei uns ist es immer noch schön sonnig bei Werten um die 30 Grad." Zurück im Studio erklärt jemand, dass es auch in Mali schön sonnig wird bei 40 Grad. Schließlich meldet sich noch Tim aus Litauen: "Hervorragendes Wetter, in den Abendstunden aber nur noch zehn Grad." Danach wieder der Jingle: "Das ist das Einsatzradio, Radio Andernach, das Einsatzraaaaadiooo."

Wer den Sender in Deutschland streamen möchte, muss einen Soldaten im Einsatz kennen

Es ist eben kein normales Radio, das hier als 24-Stunden-Vollprogramm gefertigt wird. Das Studio liegt in einer Kaserne ganz in der Nähe von Andernach, wo der Sender 1974 startete. Inzwischen ist er weiter nach Westen gezogen, nach Mayen, und zählt zum Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr. 64 Soldaten arbeiten für den Sender in drei stationären und zwölf mobilen Teams, wobei letztere dann auch aus dem Einsatzgebiet funken.

Das Besondere an der Bundeswehrwelle ist die sehr klar umrissene Zielgruppe. Die besteht aus rund 3800 Soldaten im Auslandseinsatz und deren Angehörigen, die Radio Andernach überhaupt nur hören können. Wer den Sender in Deutschland streamen möchte, muss erst einen Bezug zu jemandem im Einsatz nachweisen.

Um die Attraktivität von Radio Andernach etwa in Afghanistan zu verstehen, muss man wissen, dass den dort eingesetzten Soldaten in der Regel nur eine sehr geringe Internetbandbreite zur privaten Nutzung offensteht. Radio Andernach dagegen wird vor Ort zum Teil über eine UKW-Frequenz verbreitet, was die Attraktivität des Angebots deutlich erhöht.

Gerade werden ein paar witzige Meldungen verlesen. Hauptfeldwebel Christin Rudolf erledigt das mit geübter Stimme. Lauscht man ihr, merkt man sofort, dass sie das schon eine ziemliche Weile macht. Sie hat diese launige Beiläufigkeit, die ein Dudelradio braucht, um wichtig zu erscheinen, ohne zu stören.

Christin Rudolf ist seit acht Jahren beim Sender, war schon fünfmal in Afghanistan. "Das Schöne ist zu sehen, dass wir uns qualitativ kaum unterscheiden von anderen Radios", lobt sie die technische Ausstattung und die Abläufe, sieht aber auch Unterschiede: "Alle meine Freunde sagen, dass der Musikmix hier anders ist." Wenn sich die Soldaten Titel wünschen dürfen, läuft eben auch mal Beethoven nach AC/DC. Dies alles verbindet Rudolf problemlos. "Ich versuche, so viel frei Schnauze zu moderieren, wie es geht", sagt sie.

Den Gegensatz zur betont lockeren Akustik bildet in der Mayener Kaserne die Optik. Alle tragen diese fleckige Tarnkleidung und schwere Stiefel. Man ist schließlich immer noch in einer Kaserne.

Wirkliche Lockerheit wäre auch fehl am Platz, peinlich genau achten die Macher darauf, dass nichts auf den Sender geht, was die Sicherheitslage gefährden könnte. Im Zweifel flüchtet man sich da lieber in das Ungefähre des Dudelradios.

Am Tag des Studiobesuchs ist Ursula von der Leyen Topthema in den Nachrichten. Das ist aber Zufall, weil sie gerade einen Umbau der Bundeswehr angekündigt hat. Ansonsten wird die Verteidigungsministerin behandelt wie jeder andere Politiker auch. Sagt zumindest Ines Wasic, Hauptmann und Presseoffizier. "Es ist nicht so, dass die Ministerin hier anruft und mitteilt, dass sie etwas zu verbreiten hat." Man frage an und berichte sachlich. Darauf legt Radio Andernach Wert.

Als Rausschmeißer gibt es einen Einspieler von Paul Panzer. Schluss mit Ernst. "Huhu, Freunde", sagt der Komiker und verkündet "den lieben Kameradinnen und Kameraden in allen Einsatzgebieten der Bundeswehr", dass sie nach seiner Ansicht "einen ganz tollen und großartigen Job" machen. "Ich bin stolz auf euch, und ich bin immer bei euch. Also Freunde, haltet die Ohren steif, macht es gut. Tschöö."

Welche Auswirkungen so etwas im Einsatzgebiet hat, kann man nur ahnen. Aber solchen Gedanken hängt man nicht lange nach, denn schon wieder folgt das Wetter: aus Afghanistan, aus Mali und aus Litauen.