Berlusconi und Mediaset "Machiavelli aus Zelluloid"

Ein Leben im Fernsehen: Silvio Berlusconi bei einem TV-Interview 2006.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Es war die Basis für eine unglaubliche Karriere in Medien und Politik: Mit den Sendern seines Konzerns Mediaset hat Silvio Berlusconi italienische Wohnzimmer erobert, die eigene Macht gestützt und die Fernsehkultur des Landes nachhaltig geprägt. Die Geschichte einer "Massenzerstreuungswaffe".

Von Irene Helmes

Es läge eine gewisse Ironie darin, wenn Silvio Berlusconi, Mittelpunkt so vieler Prozesse, ausgerechnet wegen Betrugs im Zusammenhang mit dem TV-Konzern Mediaset erstmals rechtskräftig verurteilt würde. Denn die Mediengruppe gilt als ganzer Stolz des 76-Jährigen und war über viele Jahre mit entscheidend für seine beispiellose Karriere zwischen Unternehmertum, Medien, Bling-Bling und Politik.

Im Immobilien- und Baugeschäft war Silvio Berlusconi schon zu Reichtum gekommen, als er die Gunst der Stunde nutzte und das seit 1976 in Italien legalisierte Privatfernsehen zur Goldgrube machte. In den Achtzigern baute der Mailänder unter dem Dach seiner Holding Fininvest binnen weniger Jahre die künftige Konkurrenz zum öffentlich-rechtlichen System Rai auf. So geschickt, dass für andere kaum mehr Platz blieb. Canale 5, Italia 1 und Rete 4, so heißen bis heute die drei großen Sender, die neben Rai das italienische Programm dominieren. Im Mittelpunkt der Mediaset-Programme stand von Anfang an Entertainment. Jenseits von Rai und Mediaset blieben verschwindende zehn Prozent des TV-Marktes für Dritte. (Eine detaillierte Darstellung von Entwicklung und Struktur des Mediaset-Konzerns findet sich hier.)

In den Worten des Medientheoretikers Paul Virilio wurde 1994 ein "Machiavelli aus Zelluloid", unterstützt vom Publicity-Feuerwerk seiner TV-Sender und der hauseigenen Werbeagentur, zum ersten Mal zum Premier gewählt. Die Rundum-Inszenierung des Strahlemanns und Selfmademan Berlusconi als Hoffnungsträger und Alternative zum diskreditierten Polit-Betrieb von Rom war gelungen.

"Triumph der Banalität"

Zu seinen Amtszeiten nahm Berlusconis Medienmacht extreme Ausmaße an. Denn parallel zu den Mediaset-Kanälen und den Presseprodukten seiner Verlage fielen auch die Öffentlich-Rechtlichen in Berlusconis Einflussbereich. Immer wieder mussten ungeliebte Journalisten gehen. Der altgediente Rai-Redakteur Enzo Biagi etwa verließ den Sender 2002 nach einem monatelangen Konflikt mit Berlusconi. Dieser hatte ihm unter anderem vorgeworfen, seine Sendungen während des Wahlkampfs "auf kriminelle Weise" für die politische Linke missbraucht zu haben. Als übliche Methode, gegnerische Argumente zu schwächen, galt derweil in Nachrichtensendungen die Methode, Sprecher der Opposition in Beiträgen zuerst zu Wort kommen und anschließend durch Sprecher der Regierungsparteien entkräften zu lassen.

Die Organisation Freedom House stufte 2004 Italien in ihrem jährlichen Index der Pressefreiheit von "frei" auf "teilweise frei" herab und begründete dies mit der hohen Medienkonzentration und dem großen politischen Druck auf Redaktionen. Diese Einschätzung wurde zwischenzeitlich wieder korrigiert, als Berlusconi 2009 die Macht abgab - jedoch nur vorübergehend.

Als Zuflucht für halbwegs kritische und unabhängige Berichterstattung galt in Berlusconis Regierungsjahren der kleinere TV-Sender Rai 3, der 2011 dem Autor Roberto Saviano die zwar kurzlebige, aber äußerst erfolgreiche Sendung Vieni via con me ("Komm fort mit mir") ermöglichte. Die Übermacht Berlusconi-freundlicher oder gänzlich apolitischer Sendungen ließ sich dadurch allerdings kaum brechen, wie auch Berlusconi-Kritiker erkannten. Der Journalist Francesco La Licata betonte damals in einem Interview mit Arte, entscheidend sei das Programm der großen Sender und der allgemeine "Triumph der Banalität". Bei genauerer Betrachtung werde klar, wie sehr die politische Kultur Italiens zerstört worden sei. "Was die Mehrheit sieht, sind Sendungen, die jemand mal zu Recht als die größte 'Massenzerstreuungswaffe' bezeichnet hat".

"In Wahrheit ist Italien schon lange ein zutiefst unglückliches Land. Und unser Fernsehen ist Teil dieser Depression", so Saviano dazu in der Zeit. Realitätsflucht sei das oberste Ziel und die Daseinsberechtigung des italienischen Fernsehens, das voll von dummen Witzen und mehr oder minder inszenierten Streitereien sei. "Manchmal - und das ist fast ein gewohntes Ritual - schreit auch der Regierungschef mit all den anderen. Er ruft in Talkshows oder in Sportsendungen an, lässt sich mit dem Moderator verbinden und macht ihn live zur Schnecke." (Eine entsprechende Episode ist hier zu sehen.)

Überdrehte Castingshows wie Amici, der Voyeurismus von Big Brother, die Zurschaustellung "Veline" genannter, hübscher Frauen als Dekoration in von Männern moderierten Sendungen, jede Menge Soaps und Komödien - die Welt, die die Mediaset-Kanäle in die italienischen Wohnzimmer projiziert, ist noch immer quietschbunt, laut, leicht zu konsumieren. Gerne wird in Italien gelästert über den Mikrokosmos der Mediaset-Shows, in dem sich mehr oder weniger begabte TV-Sternchen von Format zu Format hangeln und nebenbei die Klatschblätter füllen, die wie das Magazin Chi teils selbst zu Berlusconis Verlagshaus Mondadori gehören. Bei aller Lästerei aber stimmten die Quoten. Sehr lange, mit Abstrichen bis heute. Canale 5 hielt lange durchschnittlich locker mehr als 20 Prozent der Einschaltquoten, zusammen mit Italia 1 und Retequattro an die 40 Prozent.

"Es gibt genug von ihnen"

Das Fernsehen ist Italiens wichtigstes Medium. Zeitungen kommen dagegen nicht an, die Auflagen sind traditionell schwach. Wenn sich linksliberale Journalisten, etwa in La Repubblica, vehement gegen Berlusconi positionierten, war das fast nebensächlich, da sie ein ohnehin bereits kritisch eingestelltes Publikum erreichten. Seine Anhänger erreichte Berlusconi stets im ihm ergebenen Fernsehen. Für Umberto Eco ist Berlusconi "ein Genie der Kommunikation", sogar seine Schnitzer und Fettnäpfchen seien kalkuliert. "Seine Ziele waren Männer und Frauen mittleren Alters, die fernsehen - und es gibt genug von ihnen, um eine Mehrheit zu bilden."

Doch selbst diese Mehrheiten hielten nie ewig. Berlusconis politische Karriere ist eine bislang unbeendete Berg- und Talfahrt. Und auch sein Medienimperium erwies sich als längst nicht unverwundbar. Immer wieder gab es enorme finanzielle Schwierigkeiten, in jüngster Zeit ist Rupert Murdochs Sky Italia zur ernsthaften Konkurrenz geworden. Zuletzt bekam auch Mediaset die Krise zu spüren, die ganz Italien seit geraumer Zeit im Griff hat. 2012 erlebte der Konzern unter Leitung von Berlusconis Tochter Marina starke Umsatzeinbußen, unter anderem einen Einbruch der Werbeeinnahmen in dreistelliger Millionenhöhe. Manche Beobachter sahen auch einen Stimmungswandel im Land: Immer mehr Italiener hätten es eben über, im Fernsehen den immer gleichen Zirkus vorgeführt zu bekommen, während in ihr eigenes Leben die Wirtschaftskrise einbreche.

Könnte Berlusconis Erfolgsrezept also am Ende doch noch an neuen Realitäten scheitern? Neben den wirtschaftlichen Turbulenzen des Medienkonzerns wäre eine endgültige Verurteilung Berlusconis im Mediaset-Prozess dafür ein Zeichen. Doch selbst wenn Berlusconi erstmals in seiner schier endlosen Prozesskarriere endgültig und rechtskräftig verurteilt werden sollte: Berlusconi hat die Medienlandschaft Italiens wesentlich verändert. Und dieser Wandel steht und fällt schon lange nicht mehr mit seiner Person.