Berlin Journalist wegen Pegida-Kritik niedergeschlagen

Pegida-Proteste in Berlin: "Ist das noch unser Land?", fragte "Tagesspiegel"-Redakteur Helmut Schümann in seiner Kolumne. Nun wurde er überfallen.

(Foto: Carsten Koall/Getty Images)

"Du bist doch der Schümann vom Tagesspiegel, du linke Drecksau": Ein Zeitungsjournalist wird auf offener Straße angegriffen - offenbar wegen seiner Kolumne.

Von David Denk

Gedanklich war Helmut Schümann bei Eiern, Milch und Zucchini, als er am vergangenen Freitagabend seine Wohnung in Berlin-Charlottenburg verließ, um einkaufen zu gehen. So erzählt er das selbst. Umso größer war der Schock, als ihn in einer unbelebten Ecke unweit des Adenauerplatzes von hinten ein Schlag traf, begleitet von den Worten: "Du bist doch der Schümann vom Tagesspiegel, du linke Drecksau."

Auf der Titelseite der Berliner Regionalzeitung veröffentlicht der 59-Jährige mittwochs und freitags eine Kolumne, in der er just am Tag der Attacke angesichts von AfD, Pegida und besorgten Bürgern die Frage stellte: "Ist das noch unser Land?" Nach dem tätlichen Angriff, bei dem er sich eine Schürfwunde am Knie zuzog, bekräftigte er die Frage bei Facebook: "Mein Land?" Am Montag sagte Schümann der SZ: "Physisch geht's mir gut, psychisch sitzt der Schreck tief." Das Haus verlasse er seitdem mit einer "Mischung aus Vorsicht und auch Ängstlichkeit".

Schümann hat, wie die Berliner Polizei bestätigt, Strafanzeige wegen Körperverletzung und Beleidigung gestellt - allerdings erst am Sonntag, wegen des Schocks und weil er "quasi keine Angaben zum Täter machen" könne. Der Angreifer, der größer als er gewesen sei und akzentfrei Deutsch gesprochen habe, sei sofort unter den Passanten am nahegelegenen Kurfürstendamm verschwunden. Schümann vermutet jedoch, dass es sich um einen Tagesspiegel-Leser aus seinem Kiez handelt, da er angesichts der Kolumnen-Illustration kaum identifizierbar sei, in seiner Nachbarschaft jedoch relativ bekannt.

In dem Angriff sieht Schümann eine "direkte Reaktion" auf seine "in den letzten Wochen sehr politischen" Kolumnen, für die er neben "gefühlten 70 Prozent Zustimmung" auch Pöbeleien und Beschimpfungen geerntet habe. Mundtot machen lässt er sich nicht: "Ich werde weiter meine Kolumnen schreiben und mich darin auch weiter politisch klar positionieren."

Unterdessen kam es am Montagabend in Berlin zu einem weiteren Angriff auf Journalisten. Bei einer Demonstration gegen ein Heim für Flüchtlinge, zu der die rechtsextreme NPD aufgerufen hatte, soll mindestens ein Mann ein Videoteam der Welt angepöbelt und attackiert haben, wie Meedia berichtet.