"Beate Uhse - das Recht auf Liebe" im ZDF Lust und Lüge

Beate Uhse hat Sex pragmatisch betrachtet, das machte sie einst zur Revoluzzerin. Der ZDF-Film über ihr Leben vermeidet jedoch verdruckst alles Körperliche. Wie das Fernsehen große Frauen klein macht - trotz guter Story und einer patenten Franka Potente.

Von Barbara Gärtner

Muschi. Das sagt der Mann tatsächlich. Er trägt die Krawatte enggeknotet, guckt recht erschrocken und wirkt auch sonst vor allem steif. Ist ja schließlich ein Bewerbungsgespräch, allerdings eines im Erotikversandbetrieb, und da soll er Namen nennen, Wörter für das weibliche Geschlechtsorgan.

Franka Potente als Beate Uhse in dem ZDF-Film "Beate Uhse - Das Recht auf Liebe" von Hansjörg Thurn. 

(Foto: ZDF/Christiane Pausch/dapd)

Beate Uhse testet also ihren Kandidaten, ob er begrifflich gleichgesinnt ist: Der Konkurrent habe nur fades Lexikondeutsch gewusst, Orgasmus als Blut-und Säftedrang, nein, so gehe das nicht. "Die Regeln sind einfach", sagt die Chefin freundlich: "Präzise, klar, offen bleiben." Dazu macht sie ein aufmunterndes Grundschullehrerinnen-Gesicht.

Eine großartige Szene, es ist die einzige dieser Art im ganzen Film.

Die Regeln sind doch einfach, Regisseur Hansjörg Thurn hat sie von seiner Uhse-Darstellerin Franka Potente patent aufsagen lassen, aber beim Filmen wohl nicht hingehört. Uhses Präzise-klar-und-offen-Dogma treibt dem Sprechen über Sex die Peinlichkeit aus und dem Drang das Diabolische. Sie hat den Geschlechtsverkehr pragmatisch betrachtet, das machte sie einst zur Revolutionärin. Im Film, den das ZDF aus ihren Lebensdaten drehen ließ, wird aber alles Körperliche verdruckst vermieden. Wenn Beate Uhse doch einmal ihren zweiten Ehemann erotisieren will, flüstert sie kichernd in sein Ohr und sinkt dann keusch in die starken Wollpulliarme. Und ist dann, hoppla, schwanger. Wie konnte das nur passieren?

Ja, wie nur? Auf diese Frage gründet das ganze Erotik-Imperium der Beate Uhse. Denn damals, nach dem Krieg, als die Männer heimkehrten zu Trümmern und auseinandergebrochenen Familien, da trugen die Frauen schnell Kinder unterm Kittel und schluchzten bang: Wie soll's bloß weitergehen - keinen Platz zum Leben, keine Arbeit aber dazu noch ein hungriges Ding?

"Wieso habt ihr euch denn nicht geschützt? Ich meine Verhütung. Warum nicht?", fragt die burschikose Uhse im Film und löffelt ungerührt ihre Suppe leer, am Esstisch des Flensburger Pfarramts. Dort hat die junge Witwe mit ihrem Sohn Unterschlupf gefunden und dort klopfen dann die Mädchen an die Tür und wollen sich erklären lassen, wie das funktioniert: Sex ohne Fortpflanzung. Die Nazis hatten das verboten, den Frauenarzt, den können sie nicht fragen.

Gegen Marmelade rechnet Uhse den Nachbarinnen nach Knaus-Ogino ihre unfruchtbaren Tage aus, gelernt hat sie das von ihrer Mutter, einer Ärztin. Aus den Nachbarschaftsrechnungen wurde eine Schrift mit Tipps und Ratschlägen, Uhse nennt sie mysteriös "Schrift X" und vertreibt sie auf dem Postweg. So entstand also eines der erfolgreichsten Wirtschaftsunternehmen Deutschlands. 2001, als Beate Uhse im Alter von 81 Jahren starb, war ihr Flensburger Erotikhandel zu einem börsennotierten Imperium mit Shops und Kinos gewachsen.