Aus von "Günther Jauch" Wie ich half, die Jauch-Momente zu kreieren

Als eine Art Peter Scholl-Latour zu Gast bei Jauch (im Bild stellvertretend für alle Sendungen die Ausgabe von Mai 2013 mit Richard David Precht, Melda Akbas, Jauch, Ursula Sarrazin und Armin Laschet, v.l.n.r.)? In groteskerer Verblendung kann man nicht in so eine Sendung gehen.

(Foto: Imago Stock&People)

Performances der Pein: Unser Autor ist der Meinung, dass er mitverantwortlich ist für eine der peinlichsten Sendungen von Günther Jauch überhaupt.

Von Peter Richter

Wenn es stimmt, was die Leute auf Twitter erzählen, müssen die Sendungen mit Günther Jauch zuletzt qualvoll gewesen. In der mit Sicherheit qualvollsten aller Zeiten aber saß einst ich, ich war der Grund für die Qual.

Es war 2011, und wenn man "die Sendung mit Günther Jauch" sagte, dachten die Leute meistens noch eher an seine Quizshow auf RTL, bei der man Millionär werden kann. Dort hätte ich zwar vermutlich auch keine bessere Figur gemacht, sondern wäre, die späten Fragen zu Geschichte oder Geografie freudig im Blick, schon ganz am Anfang über irgendeine Scherzfrage gestolpert, und Jauch hätte dann ganz verwundert über so viel Dummheit auf seine Jauch'sche Art die Augenbrauen hochgezogen, aus Solidarität selber dumm guckend.

Lästiges Vorgeplänkel

Wir haben aber exakt dieses Programm dann einfach in seiner anderen Sendung durchgezogen, der Talkshow am Sonntagabend. So groß ist der Unterschied zwischen den beiden Formaten nämlich gar nicht.

Fünf Jauch-Talks, die wir gerne gesehen hätten

mehr... Bilder

Wie beim Quiz kann man immerhin viel lernen bei so etwas. Zum Beispiel, dass Jauchs Mitarbeiterinnen hinter den Kulissen kostümiert waren wie die Comic-Figur Lara Croft: Junge Frauen, die man mit Werkzeuggurten verschnürt hatte, riefen energisch Befehle in ihre Walkie-Talkies. Auf dem Fernseher in der Garderobe war im Tatort gerade der Moment erreicht, in dem die Kommissare an der Imbissbude feststellen, dass sie auf der falschen Fährte sind, als Lara Croft mich abholte, um Jauch die Hand zu schütteln.

Jauch wirkte betreten, weil er seinen Unterlingen offenbar gesagt hatte: "Besorgt mir mal den letzten Zeitungsartikel von dem." Und dann war mein letzter Artikel zufällig nur eine dürre Meldung gewesen und gab nicht viel her für den Smalltalk. Diese Art von Vorgeplänkel gehört aber nun mal zu den lästigen Pflichten eines Moderators im Umgang mit den Eingeladenen. Eingeladen wiederum wird man ja entweder als Betroffener von etwas oder weil man für eine deftige Meinung steht, oder aber als Experte mit kühlerer Sicht auf das Problem.

Das Problem, um das es gehen sollte, war der Umgang mit Alkohol in Deutschland. Die Betroffenen und die mit starken Meinungen waren die anderen: Ein Politiker, inzwischen verstorben, der über seine Alkoholabhängigkeit berichtete, eine Politikerin, inzwischen wegen irgendeines Skandals zurückgetreten, die in Bayern für die Familien und die "Sozialordnung", und damit auch für zünftige Bilder vom Oktoberfest zuständig war. Es gab den ehemaligen Leiter einer Suchtklinik, der selber heimlich dreißig Jahre lang pathologisch getrunken hatte, und einen evangelikalen Jugendschützer, der radikale Verbote forderte.

Erfolglosigkeit sieht anders aus

Nach vier Jahren kündigt Moderator Günther Jauch seinen Rückzug aus der ARD an. Warum, sagt im Moment keiner offen. Die Talkflut jedenfalls dürfte sich damit erledigt haben. Von David Denk und Claudia Tieschky mehr ...

Der einzige in dieser Runde, der kein wie auch immer geartetes Alkoholproblem hatte, war im Prinzip ich. Ich hatte nur mal ein Büchlein geschrieben, das sich mit der verwickelten Kulturgeschichte dieses Problems befasste - vom grausamen Lustgott Dionysos bis zu den suchtpolitischen Initiativen aus der europäischen Bürokraten- und allerdings auch Biermetropole Brüssel. Ich glaubte, geschmeichelt, ich wäre als sogenannter Experte geladen; ich sah mich als eine Art Peter Scholl-Latour vom Seitenrand aus Relativierendes in die Debatte der Hitzköpfe werfen.