Atomunglück in Japan An Schlagzeilen erstickt

Wir erleben eine Menschheitstragödie historischen Ausmaßes. Doch die Aufmerksamkeit dafür hat längst nachgelassen und ist weitergehoppt zum nächsten Aufreger, einem FDP-Chef-Rücktritt etwa. Innerlich hat man Japan - bei allem Respekt - aufgegeben: überfordert, übernachrichtet, übersättigt.

Von Bernd Graff

Katastrophenmüdigkeitsdepression. Falls es das Wort noch nicht gibt, das ist damit gemeint: Seit fast drei Wochen läuft die Welt in eine der schlimmsten, wenn nicht sogar die schlimmste Nuklearkatastrophe der Menschheit. Die Meldungen dazu sind inzwischen von nicht mehr abzustreitender, nicht mehr zu überbietender Eindringlichkeit. Aber man kann nicht mehr. Die Aufmerksamkeit für das Thema lässt nach. Und man hat ein schlechtes Gewissen.

In Japan erleben wir eine Menschheitstragödie historischen Ausmaßes. Doch das Doppeldesaster bestimmt die Schlagzeilen nicht mehr in der Weise, die eigentlich die einzig angemessene wäre.

(Foto: AP)

Ein schlechtes Gewissen, dass man den japanischen Tsunami, seine verheerenden Schäden und das furchtbare Schicksal der davon betroffenen Menschen schon gar nicht mehr auf dem Radar hat. Ein schlechtes Gewissen aber auch, dass man nach Wochen der uneindeutigen Entwicklung und einer miserablen Informationspolitik den jetzt wohl tatsächlich eingetretenen Super-GAU nur noch irgendwie zur Kenntnis nimmt. Ein schlechtes Gewissen aber auch, dass man als Medienbeschäftigter nach Wochen der Zuspitzung und des - ja auch - Hochjazzens von Katstrophenbedeutung in ein Ausdrucksdilemma geraten ist. Was soll man denn jetzt noch sagen?

Nein, das Thema ist nicht völlig vom Schirm verschwunden. Dazu passiert ja auch noch immer zu viel Neues und unvermindert Schreckliches. Doch man vermeldet und registriert das mit einer Art rational herbeigeführter Erschütterung. Es ist, als ob man mit schreckgeweiteten Augen auf eine Wand zugerast wäre, aber unaufmerksam und abgelenkt ist im Augenblick des Aufpralls.

Und so bestimmt Japans Doppeldesaster nicht mehr die Schlagzeilen in der Weise, die eigentlich die einzig angemessene wäre: Wir erleben eine Menschheitstragödie historischen Ausmaßes. Doch die Aufmerksamkeit dafür hat längst nachgelassen und ist weitergehoppt zum nächsten Aufreger, einem FDP-Chef-Rücktritt etwa.

Obwohl die Fallhöhe zwischen dem, was gerade in Japan passiert und dem, was sich bei einem Regierungskoalitionspartner und in einer kleinen deutschen Partei und gerade an - seien wir ehrlich - Personalfarce abspielt, größer nicht sein kann.

Die Partei berappelt sich ohne Guido, aber in Japan sind Landstriche und wohl auch Teile des küstennahen Meeres noch auf lange Zeit mit unabsehbaren Folgen atomar verseucht. Das Schicksal ungezählter Menschen, ihre mögliche Kontamination, ihr Leid, der Verlust ihrer Heimatorte sind weiter weggerückt als sie weggerückt sein dürften. Innerlich hat man Japan - bei allem Respekt - aufgegeben: überfordert, übernachrichtet, übersättigt.

Das hier ist kein Vorwurf an niemanden: nicht an die überforderte Öffentlichkeit, nicht an die berichtenden Medien. Es ist eine Beobachtung. Mehr nicht.