Athen: Focus-Autor soll vor Gericht Aphrodites Mittelfinger

Wirbel um Focus-Cover: Die Aphrodite mit ausgestrecktem Mittelfinger auf einem Titelbild erzürnte Griechenland. Nun will die dortige Staatsanwaltschaft einen Autor vor Gericht zerren.

Von Marc Felix Serrao

"Mittelfinger hoch!" brüllten die Rapper Casper, Favorite und Kollegah vom Independent-Label Selfmade Records vor nicht allzu langer Zeit. Ein Appell, den sich auch das bürgerliche Münchner Nachrichtenmagazin Focus aus dem Burda-Verlag zu eigen machte. Im Februar 2010, als das Totalversagen der griechischen Wirtschafts- und Finanzpolitik zu Tage trat, druckte der Focus ein Titelbild, das die Aphrodite von Milos mit ausgestrecktem Mittelfinger zeigte. "Betrüger in der Euro-Familie", stand darunter. Ein Affront, der nach Ansicht vieler Beobachter (und nicht nur solcher aus Griechenland) sogar die Rüpeleien der Bild unterbot - und nun womöglich juristischen Konsequenzen nach sich zieht.

Einem Ladungsbefehl der Staatsanwaltschaft Athen zufolge soll sich der freie Reisejournalist Klaus Bötig wegen besagter Focus-Berichterstattung am 29.Juni um 9 Uhr als Beschuldigter bei der Athener Justiz einfinden, um wegen mehrerer Straftaten (u.a. Verunglimpfung der Symbole des griechischen Staates, Verleumdung, Üble Nachrede,) "abgeurteilt" zu werden. Als Zeugen nennt das Schreiben sieben Personen, sechs sollen Anwälte sein.

Bötig, 62, der nach eigenen Angaben seit mehr als drei Jahrzehnten über Griechenland schreibt und das Land, wie er sagt, innig liebe, ist angesichts der Vorwürfe besorgt. Er habe mit dem Mittelfinger-Cover des Hefts "absolut nichts" zu tun, sagte er an diesem Mittwoch. Damals sei zeitgleich eine "sehr wohlwollende" Reisegeschichte über das Land von ihm bei Focus Online erschienen. Im Netz sei sein Name dann zu Unrecht mit dem Titelbild in Verbindung gebracht worden. Seither, so Bötig, gelte ausgerechnet er in seinem liebsten Reiseland als "Feind", inklusive Online-Fotomontagen, die ihn als Nazi zeigten.

Das Schreiben der Athener Staatsanwaltschaft stamme aus dem Januar, sagt Bötig. Es sei auf Umwegen über die Staatsanwaltschaften München und Bremen durch ein griechisches Rechtshilfeersuchen aber erst vor wenigen Tagen bei ihm gelandet. Ob und wie er darauf reagieren solle, wisse er noch nicht: "Was ist, wenn ich dort verhaftet werde?"

Der damalige Chefredakteur des Magazins und heutige Herausgeber Helmut Markwort gibt sich gelassen. Er habe noch kein Schreiben eines griechischen Staatsanwalts gesehen: "Ich habe unser ganzes Haus abgeklappert. Hier hat keiner irgend etwas bekommen." Die heutigen Griechen, sagt Markwort, sollten sich statt zu klagen lieber ihres Satirikers Aristophanes erinnern. Zu dem strittigen Cover stehe er: "Warum sollte ich davon abrücken? Das war witzig."

Klaus Bötig, der nun offenbar für Markworts Humor geradestehen soll, findet das nicht lustig: "Das ist das Blödeste, was passieren konnte. Ich schreibe zu 90 Prozent über Griechenland. Und jetzt?"