Arte-Dokumentation "Forever Young" Zeitreise der Rebellion

Früher aggressiv und gefährlich, heute souverän und verwöhnt - was die Jugendkulturen zu Zeiten des Rock'n'Roll und der Gegenwart verbindet, ist Einsamkeit. Doch einzig sie bleibt unausgesprochen in dieser fast großartigen Dokumentation.

Von Bernd Graff

Ach Arte! Es sind zwei ganz wundervolle Dokumentationen zur Jugendkultur geworden, die auf dem deutsch-französischen Sender unter der etwas abgenutzten Chiffre Forever Young laufen. Die erste beschäftigt sich mit der Kultur des Rock'n'Roll. Rebellion gilt als das jugendliche Lebensgefühl seit den 50er Jahren. Festgemacht wird sie an jener Musik, deren größter Triumph das "Andersbleiben wollen - und können" ist: Rock'n'Roll, so sagt dieser erste Dokumentationsteil von Antoine Coursat, ist Rock-Power, Aufstand durch Musik.

In der Arte-Dokumentation "Forever Young" wird die Jugendkultur im Verlauf der Zeit beleuchtet.

(Foto: © Tabo Tabo Films)

Aber er ist nicht nur laut. Rebellion des Rock, so wollen es die vielen Interviews beweisen, die Coursat einerseits heute mit Veteranen des Rock und des Punk geführt hat und die er andererseits mit historischen Original-Tönen aus jener Frühzeit mischt, ist vor allem das: Aggressiv und gefährlich, promisk und sowieso immer sexuell konnotiert, ekstatisch bist zur Gesundheitsgefährdung, demonstrativ modisch und rücksichtslos gegenüber der Generation der Väter.

Man wollte nicht gefallen. Rock war die Unmittelbarkeit der Straße gegen die trügerische Heimeligkeit der elterlichen Wohnstuben. Man dankt dem Herrn auf Knien, dass es damals schon Fotoapparate und Kameras gab. Denn die Originalbilder von David Bowie, Iggy Pop und Jimi Hendrix, den Sex Pistols, den Stones und The Who, aber auch von deren Fans sind allererste Sahne. Heute noch.

Teil zwei: "Tweet and Chat" stellt den Versuch dar, die alternative Kultur aktueller Jugendlicher anhand ihres heutigen Mediengebrauchs herauszuarbeiten. Natürlich sind Medien heute die Foren im Netz, die sozialen Netzwerke, die Blogs und Fotoseiten, mit denen sich Jugend artikuliert.

Gestellt wird die Frage: Wie kann jugendliche Rebellion heute überhaupt noch stattfinden, welche Formen des Protests existieren noch, wenn schon alle verbraucht sind? Da es ja eben diese Elterngeneration gibt, welche die Formen der Rockrebellion okkupiert hält? Ein kleines Mädchen sagt: "Meine blauen Haare? Die färbt mir meine Mutter."

"Ich gegen den Rest der Welt"

Mélinda Triana, die Autorin des Films, hat genau hingeschaut, um die leisere Rebellion hinter dem Typus der Always-Online-Existenz herauszuarbeiten. Jugend heute definiert sich über ihre souveräne Kreativität. Eine Bloggerin etwa sagt: "Unsere Eltern mussten noch hart arbeiten. Wir haben doch alles: Verständnisvolle Eltern, gesicherte Lebensverhältnisse. Wir müssen uns darum ständig neu erfinden, um zu rebellieren. Aber wir sind voller Leidenschaft und positiver Energie."

Doch sie beobachten auch, dass die Konkurrenz der anderen groß ist, die genau dasselbe wollen. Eine gehetzte Rebellion also, die anders als die der Väter weniger das Gefühl von "Wir, die anderen" leben kann, als vielmehr das Bewusstsein von "Ich gegen den Rest der Welt" ertragen muss.

Wäre es den beiden Dokumentationen gelungen, die Erfahrung unfassbarer Einsamkeit, die sowohl die Rebellion des Rock als die der Kreativität auf Speed unterfüttert, man hätte sie mustergültig nennen müssen. Ach, Arte.

Forever Young, Arte, zwei Teile, Sonntag, 23.55 Uhr und 0.50 Uhr.

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