Arte-Doku mit Tucholsky Zeitreise im Fahrstuhl

Der Mund ist zu schmal, aber die Augen passen: Bruno Cathomas als Kurt Tucholsky.

(Foto: NDR/C-Films )

Mit Kurt Tucholsky in Berlin startet Arte einen Dreiteiler über die "wilden Zwanziger". Der Film zeigt aber nicht die politische Klarsicht des Autors. Wäre das so schwierig gewesen?

Von Gustav Seibt

Nichts leichter, als das Berlin der Zwanziger- und Dreißigerjahre für das Fernsehen wiederauferstehen zu lassen: Da die großen Straßen und die S-Bahnen inzwischen fast überall wieder so verlaufen wie damals, genügen Kamerafahrten in einem nächtlichen Sepia-Ton, gegengeschnitten mit alten Filmdokumenten und die Zeitreise scheint perfekt, vor allem fürs Berlin-versessene internationale Publikum, das die Details nicht kennt und übersieht, wie viel vom Vorkriegs-Berlin weggebombt und abgerissen wurde.

Inflation, Wirtschaftskrise, Straßenkämpfe - erinnert das nicht irgendwie an Teile von Europa heute? Heutig wirkt auf jeden Fall ein überbordendes Nachtleben, das man als "Experimentierfeld für neue Lebensformen" beschreiben kann. Von diesem Zeitreise-Effekt lebt auch der internationale Erfolg des bei Berlin-Touristen und Expats beliebtesten deutschen Buches, Hans Falladas "Niemand stirbt für sich allein". Es ist, als wäre man dabei in Nazi-Zeit und Widerstand!

Tucholsky fühlt, denkt und spricht fast wie wir

Einen solchen Epochenzoom vollführt auch das nicht unsympathische Stadt- und Biopic, das Christoph Weinert über Berlin und Tucholsky für Arte gedreht hat. Der halbdokumentarische Film ist der Auftakt einer dreiteiligen Serie über Die wilden Zwanziger, in der es dann auch um Paris und Wien gehen soll. Natürlich ist Kurt Tucholsky, der stilprägende Feuilletonist, Dichter und Zeitanalytiker ein idealer Begleiter, wenn es darum geht, mit dem Fahrstuhl (oder der S-Bahn) in die Weimarer Republik zu reisen.

Tucholsky fühlt, denkt und spricht fast wie wir (viele seiner Texte klingen wie gesprochen), sein unfeierlicher, meist trocken-witziger, gelegentlich gefühlvoller Ton lässt historische Distanz fast verschwinden. Er ist links, ohne doktrinär zu sein, modern ohne Allüre, und war mit einem gesunden Menschenverstand gesegnet, der ihn gegen die Phrasen seiner Zeit weitgehend immun machte.

Wenn dazu in Spielszenen ein Darsteller wie Bruno Cathomas kommt, der eine frappierende Ähnlichkeit mit dem pummeligen Tucholsky einbringen kann (die großen traurigen Augen passen perfekt, nur der Mund ist zu schmal), dann wird die Illusion zwingend. Der Film, der sich stark auf Rolf Hosfelds kundige Biografie von 2012 stützt, ist trotzdem zu harmlos. Er vertut viel Zeit mit den Frauengeschichten Tucholskys, vernachlässigt aber das Gebiet, auf dem der Kritiker sogar noch hellsichtiger war als in der Literatur, die politische Analyse.

Wäre es so schwierig gewesen, seine Diagnose nach der Wahl des Reichspräsidenten Hindenburg 1925 zu erläutern, nämlich dass es damit eigentlich schon vorbei war mit der neuen deutschen Republik und bereits wieder eine Zeit "zwischen den Kriegen" begonnen hatte? Oder den hellsichtigen Befund, dass der Erste Weltkrieg einen Menschentyp von ungerührter Mordlust hervorgebracht hatte, der sich zunächst in einer Serie politischer Attentate auslebte, später aber die Vernichtungslager der Nazis aufbaute? Diesen neuen Typ erkannte der Literaturkritiker Tucholsky in Kafkas "Strafkolonie", als von Lagern in Deutschland noch keine Rede war.

Die Welt hörte sie nicht

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Erst solche Hinweise hätten gezeigt, dass der stilistisch so heutig wirkende Tucholsky in seiner Epoche isoliert agierte, schon weil er sich vom allgemeinen Bürgerkriegsgeist nicht anstecken ließ, auch von dem der Kommunisten nicht. Die Kluft zwischen dem heutigen Berlin und den Zwanzigern ist deutlich tiefer als romantische Kamerafahrten und lustige Lieder es suggerieren. Der Film tut seinen Dienst, wenn man hinterher zu einer Werkausgabe greift und in das Riesenmeer von Artikeln eintaucht, die dieser lebensfrohe, melancholische und dabei unendlich fleißige Schriftsteller in nur gut fünfzehn Jahren verfasst hat.

Die wilden Zwanziger, Teil 1: Berlin und Tucholsky. Arte, Mittwoch, 21.45 Uhr. (Teil 2: 29. 4.; Teil 3: 6. 5.).