ARD-Tochter Degeto "Frühzeitig problematisiert"

3,5 Millionen Euro zu viel: Einem WDR-Papier zufolge hatte die ARD-Produktionstochter Degeto bereits 2010 deutlich mehr Geld aufgewendet als geplant. Dissonanzen gibt es in den Führungsgremien des Ersten außerdem über die Personalfrage. Wer soll die Degeto künftig führen?

Von Christopher Keil

Am Montag der vergangenen Woche traf sich der Rundfunkrat des Westdeutschen Rundfunks (WDR) in Köln zu seiner 533. Sitzung. Auf der Homepage des WDR findet sich dazu eine fast karnevaleske Mitteilung: "Sportliche Vielfalt in der ARD-Berichterstattung gestärkt. WDR-Rundfunkrat stimmt Ski-Weltcup-Verträgen zu". Man könnte sich zusätzlich noch durch einen "Ausblick" lesen, in dem gelistet ist, dass sich die Rundfunkräte mit dem "Bericht zur Kostenrechnung 2010" und dem "Jahresbericht 2010 zur Entwicklung der Einnahmen aus Rundfunkgebühren" befasst haben. Möglicherweise wurde sogar gestritten, vielleicht über die "Fortschreibung des Frauenförderplans für den Zeitraum 1. November 2011 bis 31. Oktober 2014".

Zu "TOP 4", zu den "ergänzenden Informationen" über die "Degeto Film GmbH", liest man offiziell nichts. Dabei ist die Degeto gerade ein besonderes Thema in der ARD, und sie war es offenbar schon, als ihr Jahresabschluss 2010 vorlag. Auch damals habe die Produktionstochter der ARD "ihr Budget für den Beschaffungsaufwand deutlich überschritten", heißt es in einem internen WDR-Papier, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Das habe "im WDR-Jahresabschluss zu einer genehmigungspflichtigen Überschreitung von 3,5 Millionen Euro geführt". Der WDR, heißt es dann, "hatte daraufhin frühzeitig in den Finanzgremien der ARD wie auch im Aufsichtsrat der Degeto diese Entwicklung problematisiert".

Tatsächlich zählt WDR-Intendantin Monika Piel zu denen, die großes Interesse an einer Aufklärung der Vorgänge in der Degeto haben. Piel, derzeit die ARD-Vorsitzende, soll darauf gedrungen haben, externe Wirtschaftsprüfer einzubeziehen. Ende September kam heraus, dass die Degeto, die jährlich circa 400 Millionen Euro für Eigen- und Co-Produktionen, Lizenzeinkäufe, Synchronisationen und Materialbeschaffung zur Verfügung hat, einen überplanmäßigen Liquiditätsbedarf für 2011 anmelden musste und außerdem ankündigte, den Mehrbedarf in 2012 "nicht durch entsprechende Minderausgaben kompensieren zu können".

Die Folge: Bis 2014 kann die Degeto kaum neue Aufträge erteilen. Die ARD entschuldigte sich bei der deutschen Filmwirtschaft und legt nun kurzfristig 23 Millionen Euro nach, "zur Sicherung der Liquidität der Degeto". So steht es jedenfalls in dem WDR-Papier an die Rundfunkräte des Senders. Der WDR-Anteil an der gemeinschaftlichen Umlage beträgt - gemäß des ARD Fernsehvertragsschlüssels - 21,4 Prozent, also beinahe fünf Millionen Euro.

Am kommenden Montag soll eine ARD-Task-Force (mit Vertretern des WDR, BR, SWR und HR) den Intendanten erste Ergebnisse liefern, auch ein Bericht der Wirtschaftsprüfer von KPMG könnte dann vorliegen. Da die erst seit Mai tätige Bettina Reitz Mitte des kommenden Jahres Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks wird und nicht sicher ist, ob der langjährige Degeto-Geschäftsführer Hans-Wolfgang Jurgan - er trägt wohl keinen geringen Teil der Verantwortung an den Budegtüberschreitungen - im Amt bleibt, braucht die Degeto ein neues Management.

In den Führungszirkeln des Ersten tauscht man sich bereits aus, erste Dissonanzen sind vernehmbar. So soll in der einen oder anderen Landesrundfunkanstalt Verärgerung darüber vernehmbar sein, dass WDR-Intendantin Piel angeblich ihre Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff positioniere. Dass die 58-jährige Kulenkampff im Sommer nur eine Vertragsverlängerung über zwei Jahre erhielt, hat Piels Kolleginnen und Kollegen offensichtlich sensibilisiert. Üblicherweise wird das Amt des Fernsehdirektors für vier, fünf Jahre vergeben, angepasst den Laufzeiten einer Intendantenperiode.

In der ARD vermutet jetzt mancher, Piel wolle Kulenkampff "entsorgen", wie einer aus der Hierarchie sich ausdrückt. Kann sein, kann nicht so sein. Andererseits hat Kulenkampff in der ARD schon erfolgreich gewirkt, etwa als Koordinatorin des Vorabends, als der noch keine Problemzone war. Und sie versteht sich aufs Fiktionale. Vielleicht wollte ja sie selbst nur eine zweijährige Verlängerung beim WDR - und hat völlig andere Pläne.