Die ARD feiert Altkanzler Kohl mit einem sechsstündigen Nachtprogramm. Unser Autor Sebastian Wolfrum hat sich den "Schwarzen Riesen" schon 24 Stunden vorher angeschaut.
Heißt es: "Kanzler der Einheit" oder "Herr über schwarze Kassen"? Würdigt man Dr. Helmut Kohl, den Historiker, oder lästert man über "Birne", den Langzeit-Gag von Titanic? Der Altkanzler aus Oggersheim hat immer im politischen Leben polarisiert. Aber er bleibt eine der wichtigsten Personen der neueren Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, und weil Kohl am 3. April runden Geburtstag hat und 80 Jahre alt wird, widmet ihm die ARD Die lange Kohl-Nacht.
Helmut Kohl 1976 ... (© Foto: dpa)
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Früher hat der CDU-Veteran Kohl überall in der ARD "Rotfunk" und "Sozen" gesehen, während das ZDF ganz in Ordnung war, weil er dort jahrelang dem Verwaltungsrat vorstand und sein Freund Leo Kirch die Filme liefern durfte. Jetzt bietet sein ZDF zum Ehrentag eine Dokumentation auf, während das Erste am vorigen Montag schon einmal eine bewegte Eloge ohne Tiefgang sendete und nun in der Nacht von Freitag auf Samstag, von 23:30 Uhr bis 5:30 Uhr, sechs Stunden lang Kohl satt bietet.
Die Ehre solcher Nachtfüller wurde einst Rockstars zuteil, deren Konzerte live im Fernsehen übertragen wurden. Zum 80. aber soll Helmut Kohl rocken, der Altstar unter den Bonner Politikern, die es nach Berlin geschafft hatten.
SWR und WDR haben für ihre Schwarze-Riesen-Show ihre Archive nach Kohl-Filmbeiträgen durchforstet. Beim Kohl-Marathon collagieren die beiden Sender einfach Originalbeiträge aus Nachrichtensendungen, politischen Magazinen und Unterhaltungssendungen der vergangenen 45 Jahren. Man hat's ja. Der Pfälzer war schon da, als es noch kein Buntfernsehen gab.
Die Chefredakteure Jörg Schönenborn (WDR) und Fritz Frey (SWR), vom Typ her eher freundliche Protokollanten der Polit-Arena denn publizistische Wadenbeißer, führen zurückhaltend durch die Kohl-Nacht. Sie stehen mal in Speyer, dann in Bonn und schließlich in Berlin - also an den Schauplätzen des Aufsteigers aus der Provinz. So geben die ARD-Chefkräfte Hilfestellung, die vielen Beiträge zeitlich einzuordnen. Wertung ist ihre Sache nicht. Die Filme sprechen für sich selbst. Als Interview-Gast kommentiert Friedrich Nowottny, ehemaliger Intendant des WDR, die Jahre mit Kohl.
Es geht bei diesem XXL-Nachtporträt nicht strikt chronologisch zu, sondern es werden Themenblöcke abgearbeitet. Raritäten werden ausgebreitet, zum Beispiel in Schwarzweiß, als Doktor Kohl 1966 auf dem Fahrrad nach Hause fährt, rank und schlank, damals ein "junger Wilder" in der konservativen Partei. Das ARD-Opus verpasst nichts: Kohl beim Aufstieg innerhalb der Partei, Kohl in der Heimat Pfalz, Kohl auf Bundesebene.
Bimbes und Gummipuppen
Kohl im Kampf mit Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt. Kohl im Spendenskandal. Tatsächlich stottert der Altkanzler in ARD-Interviews Antworten zu Schwarze-Kassen-Fragen dahin. Bis heute hat der Bundeskanzler a. D. nicht verraten, woher er den "Bimbes" hatte, wie Kohl Geld zuweilen nennt.
Von seinen außerparlamentarischen Gegnern wird wenig gezeigt. Nur kurz singen die Gummipuppen von Hallo Deutschland, nur einmal kommt das politische Kabarett in Person von Dieter Hildebrandt zu Wort. Und auch Hannelore Kohl, die Frau an seiner Seite, kommt kaum vor. Das hat sie hier mit seiner Bürochefin Juliane Weber gemein.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Helmut Kohl sich auf großer Bühne selbst in Szene setzt.
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@ westeraccum:
"Wer guckt sich das denn an??? "
Ich! Habe es mir allerdings aufgezeichnet und Häppchen-weise "genossen". Ich fand´s recht langatmig, habe aber bis zum Schluss durchgehalten. Teilweise emotional "wieder" aufgewühlt.
Hatte eigentlich gehofft, dass eine 1979 oder 1980 (im meine im ZDF) ausgestrahlte Sendung auch mit verarbeitet wurde. Ich glaube es war "Bürger fragen - Politiker antworten". HK saß in den Niederlanden und wurde vom Publikum ziemlich in die Mangel genommen. Schade, dafür gab´s maches seeeeeehr lange Interview.
... dass dies nun endlich das letzte war, das man über diese Person hören/sehen/lesen musste.
Ich konnte darauf verzichten, die nächtliche Kohl-Show der ARD anzuschauen, da ich den "Schwarzen Riesen" über Jahrzehnte hinweg von seinen ersten Schritten als junger Kommunalpolitiker oft aus ziemlicher Nähe real erlebt habe.
Kohl war immer nur ein brutaler, listiger Machtpolitiker, der Vorgänger weg-ekelte und im übrigen nach dem Motto verfuhr: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich...
Als Kanzler hatte er oft einfach nur Glück und den richtigen Instinkt. Aber "Kanzler der Einheit" war er nicht. Ohne Brandt und Bahr sowie der Ostpolitik der kleinen Schritte, die Kohl heftig bekämpft hatte, wäre es später nie zur Deutschen Einheit gekommen.
Die Einheit verdanken wir letztlich dem DDR-Volk, das durch friedliche Kerzenproteste das Stasi-Regime hinwegfegte.
Kohl ist das alles in den Schoß gefallen.
Daher sollte man sein bemühtes Mittun nicht überbewerten...
Kohl ist mitnichten der Kanzler der Einheit. Die Einheit hat das Volk der DDR heraufbeschworen!
Unbestritten ist sicher eine glänzende Außenpolitik zu jener Zeit.
Damit ist er erst zum großen Staatsmann geworden, weil die Geschichte ihn dazu gedrängt hat. Andere, wie Brandt und Schmidt w a r e n schon Staatsmänner, ohne daß ihnen der historische Moment in den Schoß gefallen ist.
Ein bisschen Bimbes, ein bisschen Birne und noch ein paar schöne Jahre sollte man ihm dennoch gönnen.
Jung mag er ja mal gewesen sein, der Kanzler der Einheit. Und wild konnte er auch werden, wenn einer nicht vor ihm zu Kreuze kroch. Aber ein junger Wilder war er nie, nie, niemals nie.
Helmut Kohl war Birne, klar. Aber ihn noch heute so zu titulieren, ist eine Unverschämtheit, weil es die Körperlichkeit vor den (eher durchschnittlichen, aber immerhin neben seinem Machbewusstsein für ihn maßgebenden) Intellekt stellt.
Er war der Kanzler der Einheit, das war seine Großtat und die Chance, ohne Flecken auf der Weste Geschichte zu werden - größer als Adenauer und Bismarck.
Er war der politische Killer vieler Freunde, die sich zusammen mit ihm und mit der Machete in der Hand durch den politischen Dschungel gekämpft haben.
Und war Bimbes - zu seinem eigenen Verhängnis, denn diese Haltung trieb ihn zum Verfassungsbruch, in dem er bis heute verharrt.
Ein Großer? Hätte er sein können, aber sein Hunger nach Macht und die Eiseskälte, die daraus resultierte, stand ihm im Weg.
Dennoch: Gesundheit zum 80. und noch einige gute Jahre.
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