ARD-Film "Der Liebling des Himmels" Eintauchen ins menschliche Fiasko

Das ist Magnus Sorel (Axel Milberg, r.) in der Rolle eines Psychoanalytiker in "Der Liebling des Himmels". Da kann ihm auch sein Vater (Mario Adorf) nicht helfen.

(Foto: Christine Schoeder/NDR)

Regisseur Dani Levy hat die wunderbare ARD-Komödie "Der Liebling des Himmels" gedreht. Ungewöhnlich für einen Mann, der im Kommerz nie ganz angekommen ist. Eine Begegnung.

Von Claudia Tieschky

In dem Kinofilm Das Leben ist zu lang gibt es diese irre Szene, in der Alfi Seliger über die Berliner Stadtautobahn brettert. Uralter Jaguar, der Arm im Gips, in der Hand den Joint, aus der Anlage hämmert Tötet sie, tötet sie alle! von Knorkator. Seliger röhrt inbrünstig mit. Es ist die Szene, nachdem er, der Filmregisseur mit übler Lebenskrise, gerade beim Fernsehen rausgeflogen ist, wo er für gutes Geld eine schlechte Soap drehen sollte. Nicht mal das Geldverdienen klappt, weil Seliger halt unbedingt Kunst machen will, und weil das Fernsehen so ist, wie es ist.

Und jetzt hat also Dani Levy, der Regisseur und Schöpfer dieses Alfi Seliger, einen Freitagabendfernsehfilm in der ARD gedreht. Freitagabend ist der Platz für den Unterhaltungsfilm aus dem Hause Degeto, der ARD-Produktionstochter, von der meist buntes Gewese aus einer schrecklich netten Parallelwelt versendet wird. Levy droht zwar nicht wie Alfi Seliger mit einer Komödie namens "Mo-haha-med", aber in seinem Werkverzeichnis findet sich immerhin diese Hitler-Interpretation Mein Führer, in der Katja Riemann zu dem auf ihr liegenden Helge Schneider (als Adolf Hitler) den unvergessenen Satz sagt: Ich spüre Sie gar nicht, mein Führer.

"Je älter ich werde, desto psychedelischer wird das Zeug"

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Mit anderen Worten, man hätte die Paarung Dani Levy - Degetofreitag nicht unbedingt für naheliegend gehalten. Er selber auch nicht. An diesem Freitag ist also Der Liebling des Himmels von Dani Levy in der ARD zu sehen, ein Film, "der wirklich ganz aus mir heraus stimmt, wo ich sage, den kann ich voll vertreten". Andrerseits war klar, dass es schon etwas für das Freitagabendpublikum sein sollte. "Ich bin ja nicht stur", sagt Levy vergnügt.

Mit diesem Film zeigt die Degeto, dass sie sich verändern will

Was diesem Freitagabendpublikum nun brutalerweise zugemutet wird, ist eine echte Komödie, also schlimmste menschliche Abgründe. Dani Levy gibt gern zu, was man seinem Werk sowieso anmerkt: "Ich liebe amerikanische Komödien." Und zum Beweis erklärt er auch gleich, wie inspirierend für seinen Freitagsfilm die Produktion Besser geht's nicht von James L. Brooks mit Jack Nicholson als Riesenarschloch war.

Das Schöne für die Degeto daran ist, dass sie jetzt den Beweis in der Hand hat, dass sie sich wirklich verändern will, mutiger und so sein kann, wie es die Firma seit ein paar Jahren immer behauptet. Außerdem sind Axel Milberg und Mario Adorf dabei. Karl Dall hat einen Kurzauftritt und Günther Jauch auch, der spielt sich selbst.

Für Milberg, sonst Tatort-Kommissar aus Kiel, hatte der koproduzierende NDR den Film eigens entwickelt. Es gab auch schon ein Buch, als Levy engagiert wurde, das schrieb er dann allerdings völlig neu. Alles musste schnell gehen, das hat ihm gefallen. Milberg spielt den Hamburger Zwangsneurotiker Magnus Sorel, dem man schon in den ersten fünf Filmminuten dabei zusehen darf, wie er das kontrolliert, was er gerade in die Kloschüssel gemacht hat.

Dieser Mensch ist ausgerechnet Psychoanalytiker. Bisher ging das gut - aber nur, damit es vor den Augen des Zuschauers umso effektvoller in Asche zerfallen kann, als eines Tages ein Einbruch stattfindet, eine Anzeige wegen sexueller Nötigung eingeht, eine Krebsdiagnose bekannt wird. Der Mann hat jetzt allen Grund, seine Schritte mit allergrößter Vorsicht zu setzen - die Sache ist nur, man sieht ihn schon vorher auf dem Trottoir nur so und nicht anders gehen.

Seine Filme zeigen ein Lebensgefühl: Independent

Dani Levy wiederum ist mit 57 Jahren zwar ein bisschen grauer, aber nicht wesentlich älter als der Typ, der in den frühen achtziger Jahren in RobbyKallePaul mit den Dramen einer West-Berliner WG kämpfte oder der in Du mich auch mit Anja Franke durch die schwarzweiß gefilmte Stadt zog und sogar Helmut Berger für eine Nebenrolle gewann. Der Spiegel bezeichnete die Low-Budget-Beziehungskomödie als "Sperrmüllromanze in einem Berliner Wohnklo". Das war als Lob gemeint, und daran merkt man, wie lange das schon her ist. 1986 kam der Film ins Kino, er lief, wenn die Erinnerung nicht trügt, in den Programmkinos zur gleichen Zeit wie Spike Lees She's gotta have it.

Es ist aber nicht nur diese schiere Zufälligkeit der Jahreszahl, die beide Filme verbindet, oder dass beide von ungeordneten urbanen Verhältnissen handeln und das böse B-Wort, Beziehung, aus der Sicht verliebter Männer durchspielen, oder die Erinnerung an kleine schwarzgestrichene Kinos. Nein, es ist viel mehr. Es ist ein Lebensgefühl, das in Zeiten der Community so wahnsinnig lang her zu sein scheint. Dieses Lebensgefühl hieß "unabhängig", beziehungsweise Independent.