ARD-Dokumentation "Die Falle 9/11" Und wieder blickt Bush völlig verdattert

Die zahlreichen Bilder vom 11. September bewahren die Erinnerung an eine beispiellose Katastrophe. Zu ihrem zehnten Jahrestag wird der Anschlag im Fernsehen wieder und wieder nachgestellt, dokumentiert, analysiert und kommentiert werden. Zum Auftakt zeigt die ARD die Dokumentation "Die Falle 9/11". Der in Teilen bestechende Film kann seine reißerische These allerdings nicht erhärten.

Von Willi Winkler

Wieder diese Bilder: Das Flugzeug, wie es vor strahlend blauem Himmel in das Hochhaus einschlägt; die Feuerwoge der Explosion; das zweite Flugzeug; die Staubwolke, in der erst der eine, dann der andere Turm in sich zusammensinkt; die Panik der Zuschauer.

Der Medienexperte Osama bin Laden ließ am 11. September 2001 nicht nur das World Trade Center, den Inbegriff des verhassten Amerika angreifen, sondern sorgte dafür, dass sein Triumph für alle Zeiten in unvergesslichen Bildern festgehalten wurde. Der Propagandist bin Laden wusste, dass vor zehn Jahren nirgendwo auf der Welt so viele Kameras konzentriert waren, die brav die Bilder für die Endlosschleife "11. September" sammeln konnten.

Obwohl inzwischen selbst in den Vereinigten Staaten die Bankenkrise von 2008 als wichtigeres Ereignis gilt, bewahren die Bilder vom 11. September die Erinnerung an eine beispiellose Katastrophe. Sie wird in den nächsten Tagen wieder und wieder nachgestellt, dokumentiert, analysiert und kommentiert werden, und wieder werden die Bilder kommen. Der zehnte Jahrestag ist selbstverständlich auch für den bilderversendenden NDR ein "Mega-Thema", wie sich der Intendant Lutz Marmor ausdrückt, und dem wollte man sich mit einer "hochwertigen Dokumentation" und selbstverständlich "anspruchsvoll und aufwendig" nähern.

Für dieses Unternehmen wurde Stefan Aust gewonnen, immer noch der beste Mann für dokumentarisches Fernsehen. Auch Die Falle 9/11 bringt die vertrauten Bilder, angereichert durch viele Interviews und eine reichliche Prise Spekulation. In schönster Spiegel-TV-Tradition erscheinen zu einzelnen Reportagen gebündelte Bilder über jenen Herbsttag in Manhattan, die sofort nach dem Anschlag gefällte Entscheidung, gegen den unbeteiligten Irak in den Krieg zu ziehen, den Sturz der Saddam-Statue in Bagdad, das deutsche Polizei-Mandat für den Hindukusch, schließlich die Erledigung Osama bin Ladens in seinem Versteck in Pakistan.

Wieder schießt Saddam Hussein in die Luft, wieder blickt George W. Bush als Vorleser-in-chief völlig verdattert, als ihm die Nachricht von dem Attentat zugeflüstert wird, wieder werden die Folterszenen aus Abu Ghraib vorgeführt. Nur die aufgekrempelten Hemdsärmel des Moderators Stefan Aust wollen zwischen den einzelnen Beiträgen nicht erscheinen.

Die These von der Falle

Die Falle 9/11 will aber keine Serie von zehn- oder zwanzigminütigen Reportagen, sondern ein richtiger Film sein. Die USA seien, so die im Titel verkündete These des 90-Minüters, dem Al-Qaida-Chef Osama bin Laden in die Falle gegangen, er habe sie in Afghanistan, im Irak, im Jemen in einen Krieg ziehen wollen, den sie nicht gewinnen würden. Kronzeuge für diese fabelhafte Behauptung ist (Geheimdienst macht sich immer gut) der ehemalige CIA-Beamte Bruce Riedel, der heute beim Brookings-Institut über Terrorismus und die Beziehungen zum Nahen Osten arbeitet.

Die Sowjetunion hatte in den Achtzigern in Afghanistan ihr Vietnam erlebt, und warum sollte es den USA besser ergehen? "Blute sie aus, mach sie fertig, brich ihren Willen, und dann", so beschreibt Riedel jedenfalls die Strategie des Afghanistan-Veteranen bin Laden, "zwing sie dazu, den Nahen Osten und die islamische Welt zu verlassen, damit al-Qaida mit den arabischen Regimen, mit Pakistan und schließlich mit Israel fertig werden kann."

Aust kann ein Protokoll zeigen, auf dem die Empfehlung des US-Außenministers Donald Rumsfeld steht, im Krieg gegen den Terror am besten gleich den Irak anzugreifen, der mit dem Anschlag nichts zu tun hatte. Datum: 12. September 2001. Jenseits des engsten Bush-Zirkels bringt heute keiner mehr die legendären Massenvernichtungswaffen über die Lippen, und selbst einen so eifrigen Kriegsbetreiber wie Richard Perle wandeln inzwischen Zweifel an.

Ein offenbar recht zufriedener Gerhard Schröder

Ein erstaunlich rotgesichtiger, aber sonst offenbar recht zufriedener Gerhard Schröder erläutert noch einmal staatsmännisch, dass sich eine deutsche Teilnahme am zweiten amerikanischen Irakkrieg verbot, weil "unsere Informationen" die von der Bush-Combo im Weißen Haus erfundenen Massenvernichtungswaffen nicht bestätigt hatten. Es fanden sich einfach keine, wenn auch der alte Haudegen Rumsfeld heute noch behauptet, man sei "nah dran" gewesen. Hätte man doch welche gefunden, so der ehemalige Bundeskanzler heute, hätte er über Rücktritt nachdenken müssen.

Die Affäre um den angeblich so kundigen Geheimdienst-Informanten "Curveball" wird noch einmal referiert, wenn der BND dabei auch besser wegkommt, als er es verdient hat. Aust, der bei der Vorstellung des Films darauf verwies, dass er "nicht gedient" habe (was ihm ein NDR-Redakteur prompt vorhielt), beendet den Film mit einem Plädoyer für eine bessere Ausrüstung der Bundeswehr. Die Mutter eines gefallenen Soldaten, die inzwischen Klage gegen die Bundeswehr eingereicht hat, empört sich über die ausgebliebene Luftunterstützung, die ihrem Sohn das Leben gekostet hat.

Für den NDR gehört der gewaltig mäandernde Film zu den "Leuchtturm-Projekten" (Marmor), doch wurde sogar von NDR-Fachkräften bezweifelt, ob der knallige Titel Die Falle für den 11. September und dessen Folgen angemessen sei. Für die angegriffene Großmacht USA gab es 2001 gar keine Alternative zum Einsatz in Afghanistan. Mit dem nächsten Krieg, den Bush, unterstützt von neokonservativen Phantasten und minderbegabten Kissinger-Schülern, unbedingt gegen Saddam Hussein führen musste, hätte bin Laden auch in seinen größenwahnsinnigsten Träumen nicht gerechnet.

Hier ist Aust mit seinen Co-Autoren Thomas Ammann und Detlev Konnerth dem brillant formulierenden früheren CIA-Mann Riedel in die Falle gegangen. Vielleicht lieferte aber die Falle einfach nur das Leitmotiv, das am Ende die sehr disparaten Teile, aus denen der abwechselnd brillante und dann wieder banale Film besteht, zusammenführen musste. Der multitaskende Medienunternehmer Stefan Aust sollte unbedingt wieder Chefredakteur und Gesicht von Spiegel TV werden.

Die Falle 9/11, ARD, Sonntag, 21.55 Uhr

Ein Auswahl von Sendungen zum zehnten Jahrestag des 11. September (hier).