"Anne Will" zur Regierungsfindung "Ob der Lindner weiß, was er da ausgelöst hat?"

"Regierungsbildung extra-schwer - wie geht es weiter in Berlin?" wollte Anne Will von ihren Gästen wissen.

(Foto: dpa)

Laschet betrauert pflichtschuldig das Scheitern von Jamaika, Göring-Eckardt und Weil kabbeln sich. Viel Hoffnung auf eine neue Regierung macht die Runde bei Anne Will nicht.

TV-Kritik von Lars Langenau

Sonntagabend vor einer Woche sah die Welt in Berlin noch völlig anders aus: Eine Jamaika-Koalition würde Deutschland regieren, da war man sich so sicher wie damals beim Nein zum Brexit oder der Wahl von Hillary Clinton zur US-Präsidentin. Nun ja, die Briten bereiten heute ihren EU-Austritt vor, im Weißen Haus sitzt Donald Trump - und auch die Sicherheit des vergangenen Sonntags erwies sich als trügerisch. Nur ein paar Stunden später waren die Sondierungsgespräche zwischen CDU, CSU, Grünen und FDP krachend gescheitert.

Nach zwei Tagen Entsetzen über Christian Lindners bis heute kaum erklärte Totalverweigerung kam es zu einer in der 68-jährigen Geschichte der Bundesrepublik einzigartigen Kakophonie - und dann zu einer Dynamik in den Parteien, die bis dahin kaum jemand für möglich gehalten hatte: Es musste dazu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier intervenieren und die unerzogenen Kinder nacheinander an den Tisch holen. Plötzlich lobte Kanzlerin Angela Merkel die große Koalition und SPD-Chef Martin Schulz rückte auf massiven Druck seiner Fraktion von seiner starren Entweder-oder-Einstellung ab (Opposition oder Neuwahlen).

Hier stehen die Parteien eine Woche nach dem Jamaika-Aus

Die FDP bleibt bei ihrer Absage an Jamaika, die Grünen lecken ihre Wunden, die Jusos sprechen vom "Todesstoß" GroKo und die Junge Union stellt der Kanzlerin ein Ultimatum. mehr ...

"Wir haben eine spannende Woche hinter uns", kommentierte Stephan Weil die vergangene Woche trocken am Sonntagabend im Studio von Anne Will. "Eine Situation, die wir noch nie hatten", fügte Niedersachsens Ministerpräsident nordisch unterkühlt hinzu. Und dann, doch ein bisschen dramatisch für den SPD-Mann: "Ich weiß gar nicht, ob der Lindner weiß, was er da ausgelöst hat?"

"Große Koalition, Minderheitsregierung oder gar Neuwahlen - wie geht es weiter bei der Regierungsbildung in Berlin?" zu dieser Frage diskutierten in der ARD Weil, sein NRW-Amtskollege Armin Laschet von der CDU, Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und Ulrich Batis, emeritierter Professor für Staatsrecht an der Humboldt-Uni in Berlin. Süffisant kommentierte Batis zunächst, dass man eine gemeinsame Regierung von Union und SPD mit ihren 53 Prozent ja gar nicht mehr große Koalition nennen könne. Antworten, wie es denn anders weitergehen könnte, blieb er den restlichen Abend allerdings schuldig. Immerhin saßen hier bei Will drei staatstragende Parteien in einer Runde, aus deren Kreis sich FDP-Chef Lindner vor einer Woche verabschiedet hatte.

Göring-Eckardt: Jamaika ist auch an der FDP-Position zu Europa gescheitert

Laschet bedauerte zunächst ein wenig pflichtschuldig das Scheitern von Jamaika und sagte, dass sich "jeder da wiedergefunden hätte". Jamaika sei auch an den Vorstellungen der FDP über Europa gescheitert, widersprach ihm Göring-Eckardt und der Zuschauer wurde hellhörig, weil bislang so wenig über die vielen Knackpunkte bekannt ist. Das Thema Europa sei bei Union und SPD einfach besser aufgehoben, sagte die Grüne ebenso mysteriös wie überraschend. "Und dafür haben Sie einen Monat gebraucht, um das zu erkennen?", fragte Weil. "Verschüttete Milch", antwortete Göring-Eckhardt.

Tatsächlich wäre dies ein Punkt gewesen, über den es sich dringend mehr zu erfahren gelohnt hätte. Doch Moderatorin Anne Will wirkte dermaßen abgekämpft und müde, als hätte sie bei den Jamaika-Sondierungen selbst mit am Tisch gesessen. An diesem äußerst interessanten Punkt hakte sie leider nicht nach.

Verschüttete Milch eben. Aber auch zwischen den staatstragenden Parteien CDU, SPD und Grünen knirschte es und vergnügungssteuerpflichtig wird auch die Zusammenarbeit dieser drei Parteien, in welcher auch immer gearteten Form, ganz sicher nicht. Bereits zu Anfang der Diskussion konstatierte Weil, die SPD sei "nicht die Reservebank der Kanzlerin". Er fürchte, dass es in diesem Jahr keine neue Regierung mehr geben werde. Dieser Einschätzung stimmten am Ende des Abends in der ARD alle zu.