"Anne Will" zum Satire-Streit Der Satiriker erklärt, worum es wirklich geht

Abgesehen von dieser Stimme herrscht Grundkonsens. Die Meinungsfreiheit gilt, gut finden muss man die Sache nicht. Und während Elmar Brok die Aussage der Kanzlerin verteidigt, kritisiert die Linken-Politikerin Dağdelen den vorauseilenden Gehorsam Merkels und des ZDF.

Es ist der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, der der bis ins Kleingedruckte ausbuchstabierten Diskussion tatsächlich noch ein paar interessante Gedanken hinzuzufügen hat. Mit seinem Erdoğan-Gedicht habe der Moderator ein Hybrid geschaffen, einen Zwitter aus Satire und Schmähkritik. Der Fall sei ein "Lehrbeispiel für globale Empörungsepidemien", die sich im Internetzeitalter blitzschnell ausbreiten und eben auch diplomatische Krisen auslösen können. Darauf seien wir noch nicht vorbereitet, so Pörksen. Man kann darin nun den Mehrwert in Böhmermanns Aktion sehen, ihren Bildungsauftrag. Auch wenn einem das eigentliche Gedicht - wie Pörksen - missfällt.

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"Guckt Erdoğan deutsches Fernsehen?"

Dass die Bundesregierung die Strafverfolgung tatsächlich aufnimmt, hält der Wissenschaftler für eine "albtraumhafte Vorstellung." Aber daran glaubt auch CDU-Politiker Brok nicht. Es zeigt sich hier das grundlegende Problem der beispielhaften Empörungsepidemie. Die Böhmermann-Satire-Debatte ist eine Scheindebatte - und es dauert beinahe eine Dreiviertelstunde, bis die Diskussion bei Will zum wirklichen Kern vorgedrungen ist: Es geht hier nicht um Satire oder deren Grenzen, es geht um den EU-Deal mit der Türkei und dessen Auswirkungen auf das deutsch-türkische Verhältnis.

Es wird zur herrlichen Ironie dieses Abends, dass es der Satiriker Somuncu ist, der mit seiner Klarheit und Schärfe den Nebel um die Debatte lichtet: "Wir reden hier über Albernheiten. Hat Angela Merkel nichts Besseres zu tun als das Neo Magazin Royale zu schauen? Guckt Erdoğan deutsches Fernsehen?" Und weiter: "Was wir heute besprechen, ist die Frage: Ist die Kanzlerin erpressbar geworden, weil sie die Türkei plötzlich braucht?"

Für Somuncu ist die Sache klar. Merkel sei gekippt, sie arbeite denen zu, die auf die Straßen gehen und "Wir sind das Volk" rufen. Und in der Flüchtlingskrise brauche sie eben die Unterstützung von Erdoğan. Es geht also nicht um Böhmermanns Satire, sondern um die Frage, ob man Menschen in ein Land abschieben sollte, das so offensichtliche demokratische Defizite hat. Denn auch wenn Fatih Zingal für das halb volle Glas der AKP-Reformen wirbt und dafür, "nicht immer das Haar in der Suppe" zu suchen, die Türkei belegt auf der aktuellen Weltrangliste der Pressefreiheit den 149. Platz.

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