Anne-Frank-Verfilmung ZDF rudert zurück

Die Ankündigung des Produzenten Oliver Berben, das Schicksal Anne Franks als TV-Mehrteiler für das ZDF verfilmen zu wollen, sorgt für Ärger. Der Anne-Frank-Fonds, der die Rechte an dem weltberühmten Tagebuch hält, fühlt sich düpiert. Einen eigenen ZDF-Film wird es wohl doch nicht geben.

Von Christopher Keil

Im Streit um zwei konkurrierende Filmprojekte, die das Schicksal Anne Franks thematisieren wollen, will nun ZDF-Intendant Thomas Bellut das Gespräch mit dem Anne Frank Fonds suchen. "Mir war an einem Projekt gelegen, das die Erinnerung an Anne Frank wach hält", sagte Bellut an diesem Donnerstag der "Süddeutschen Zeitung". Er werde "Kontakt zu Yves Kugelmann aufnehmen", dem Sprecher des in Basel ansässigen Anne Frank Fonds. Damit scheint das ZDF auf eine eigene Inszenierung des Schicksals Anne Franks und ihrer Familie in letzter Konsequenz verzichten zu wollen.

2011 hatte der Anne Frank Fonds, der die Persönlichkeitsrechte Anne Franks und die Urheberrechte ihres weltberühmten Tagebuchs besitzt, die Verfilmungsrechte für eine Kinoproduktion an die beiden Produktionsfirmen AVE (Holtzbrinck Gruppe) und Zeitsprung Pictures verkauft. Der Film soll 2015 in Europa zu sehen sein, 70 Jahre nach der Ermordung Anne Franks durch die Nazis und 70 Jahre nach Kriegsende. Noch nie hat es einen von Deutschen entwickelten Anne-Frank-Film gegeben.

Vor einer Woche erklärte der Produzent Oliver Berben, dass auch er - im Auftrag der Constantin Film und des ZDF - einen TV-Mehrteiler über die Familie Anne Franks herstellen werde - ohne Rechte am Tagebuch und ohne Einverständnis der Anne-Frank-Erben, dafür mit seiner Mutter Iris Berben in einer wichtigen Rolle. Der Anne-Frank-Fonds reagierte scharf. Das ZDF verstoße gegen "Fairness und Anstand". Persönlichkeitsrechte zählten "zu den höchsten Gütern im Rechtsstaat, die es auch für das ZDF zu respektieren gilt".

Entscheidung für Berbens Mini-Serie

"Natürlich respektiere ich auch den Film, den AVE und Zeitsprung planen", sagt ZDF-Intendant Bellut nun. Ohne die Einwilligung des Anne Frank Fonds werde er keine Anne-Frank-Inszenierung befürworten.

Seit 2012 hatten AVE und Zeitsprung Pictures versucht, das ZDF für seine Variante als Kino-Koproduzenten zu gewinnen. Doch Reinhold Elschot, der beim ZDF für TV-Filme und Kino-Koproduktionen zuständig ist, entschied sich für Berbens Mini-Serie: Der Ansatz, den die Constantin-Film vorstellte, sei moderner, an ein jüngeres Publikum gerichtet, auf Deportation und KZ werde verzichtet. Wie aber soll man Anne Frank, selbst ihre Familie, ohne Kenntnisse des Tagebuchs filmisch würdigen und darstellen?

Oliver Berben sagt an diesem Donnerstag, dass er die Konfrontation nicht verstehe. "Wir wollen einen Film über die gesamte Familie Frank machen. Sich darüber Gedanken zu machen, ist nicht verboten." Außerdem sei Anne Frank eine historische Figur. Er hoffe, ein vor Monaten mit Kugelmann verabredeter Termin im Februar komme zustande. Dann könne er das Drehbuch vorstellen, an dem gerade noch gearbeitet werde.

Wie konnte es überhaupt soweit kommen?

Der Anne Frank Fonds hat inzwischen deutsche und internationale Rechtsanwälte mit der Wahrung ihrer Interessen beauftragt. Yves Kugelmann behauptet, Berben habe zugesichert, nichts ohne die Erlaubnis durch den Stiftungsrat zu unternehmen. Dass ZDF-Intendant Bellut den Fall jetzt zur Chefsache erklärte, deutet aber auf ein ganz anderes Problem hin: Wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass Juristen aufmarschieren müssen und ein exponierter Manager des öffentlich-rechtlichen System wie Reinhold Elschot den Dialog mit den Erben einer im Holocaust vernichteten Familie über Verfilmungsrechte offensichtlich verpasste? Ging Bellut davon aus, dass Elschot und Berben die Rechtefrage im Guten klären würde? Dass bei Verfilmungen heute ständig Rechte abgeklärt werden müssen, ist im ZDF bekannt.

Bellut ist bekannt dafür, seinen Mitarbeitern Freiräume zu gewähren. Außerdem schätzt er Elschot und auch Berben. "Wir sind uns unserer Verantwortung gerade bei diesem Projekt zu jeder Zeit sehr bewusst gewesen", sagte Elschot auf Anfrage. "Und wir hoffen sehr, dass wir mit allen Beteiligten - dem Fonds und den Produzenten - zu einer guten Lösung kommen." Es habe über Anne Frank schon etwa 20 Verfilmungen gegeben, merkt Berben an: fiktionale, dokumentarische, auch ein Cartoon war dabei. Und meistens seien die Projekte ohne Rechtekauf entstanden.

Im April 2013 hatte Elschot mit Yves Kugelmann, dem Sprecher des Anne Frank Fonds, freundlich aber wohl ergebnislos telefoniert. Von Oliver Berben hatte Kugelmann beinahe zeitgleich das Expose eines TV-Vierteilers über die Familie Frank zugeschickt bekommen und ein paar andere Dokumente dazu. Ein Brief hat die Schauspielerin Iris Berben unterschrieben, auf einen Bogen der Constantin Film: "Hiermit bestätige ich meine Mitarbeit an dem Constantin Film-Projekt Anne Frank - sowohl als Schauspielerin als auch als Repräsentantin." Beim Anne Frank Fonds sollen die Stiftungsräte beeindruckt gewesen sein - vom Rechtsverständnis der Repräsentanten des deutschen Fernsehens.