Anja Niedringhaus Deutsche Kriegsfotografin in Afghanistan erschossen

Die deutsche AP-Fotografin und Pulitzer-Preis-Gewinnerin Anja Niedringhaus ist in Afghanistan bei einem Anschlag ums Leben gekommen. Eine Kollegin wurde schwer verletzt. Die Taliban, die Anschläge im Umfeld der Wahlen angekündigt hatten, haben zu dem aktuellen Fall bereits ein Statement abgegeben.

Die renommierte deutsche Kriegsfotografin Anja Niedringhaus ist nach Polizeiangaben in Ostafghanistan von einem Polizisten erschossen worden. Ein Sprecher in der Provinz Khost sagte außerdem, die kanadische Journalistin Kathy Gannon sei bei dem Anschlag schwer verletzt und in ein Krankenhaus gebracht worden. Die 48-jährige Niedringhaus sei jedoch sofort tot gewesen.

Die US-Nachrichtenagentur Associated Press bestätigte den Tod ihrer Mitarbeiterin. Niedringhaus' Kollegin, die AP-Reporterin Kathy Gannon, sei durch die Schüsse verwundet worden, berichtete die Nachrichtenagentur. Gannons Zustand sei aber stabil. Ein anwesender freier Mitarbeiter von AP Television habe mitgeteilt, beide hätten in einem Wagen in einem Wahlkonvoi gesessen, als ein Polizist mit den Worten "Allahu Akbar" ("Gott ist groß") das Feuer auf sie eröffnet habe. Der von afghanischer Armee und Polizei gesicherte Konvoi, in dem sie unterwegs waren, lieferte laut AP Wahlzettel an Wahllokale aus.

Der Schütze habe sich den Angaben zufolge danach widerstandslos von anderen Polizisten festnehmen lassen. Die Taliban - die Angriffe auf die Wahlen angekündigt haben - wiesen jede Verantwortung für den Mord umgehend zurück.

Ein Blick für Menschen

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"Anja und Kathy haben jahrelang gemeinsam aus Afghanistan über den Konflikt und die Menschen berichtet", sagte AP-Chefredakteurin Kathleen Carroll in New York. Niedringhaus sei eine leidenschaftliche und dynamische Journalistin gewesen, beliebt wegen ihrer einfühlsamen Bilder, ihres warmen Herzens und ihrer Lebensfreude. "Wir sind untröstlich über den Verlust."

Die beiden Reporterinnen waren zur Berichterstattung über die Präsidentschaftswahl an diesem Samstag nach Khost gereist. Der Polizeisprecher sagte, die Frauen seien mit einem Wahlkonvoi in die Provinzhauptstadt Khost gefahren. Sie seien dann mit einem einheimischen Fahrer eigenständig weiter nach Tanai an der pakistanischen Grenze gefahren, um von dort über die Wahl zu berichten. Ihr Fahrer sei unverletzt geblieben. Der Schütze sei Kommandant eines Checkpoints vor dem Büro des Distriktgouverneurs gewesen. Das Innenministerium in Kabul teilte mit, der Mann werde verhört.

Jugoslawien, Irak, Afghanistan

Beide Frauen arbeiteten für die US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP) und hatten jahrelange Erfahrung in der Region und anderen Konfliktgebieten. Niedringhaus, die in Göttingen studierte und dort früher als Fotografin arbeitete, war seit 2002 bei AP, zuvor hatte sie für die European Pressphoto Agency in Frankfurt am Main gearbeitet.

Als Reporterin und Kriegsberichterstatterin reiste sie nicht nur nach Afghanistan, sondern unter anderem zu Beginn der Neunziger Jahre auch nach Jugoslawien. Bei einem Einsatz in Sarajevo wurde sie von Heckenschützen ins Visier genommen, ihre kugelsichere Weste bewahrte sie jedoch vor schlimmen Verletzungen. 1997 erlitt sie bei einem Unfall mit einem Polizeifahrzeug in Belgrad mehrere Fußfrakturen. Für ihre Berichterstattung im Irak wurde sie 2005 gemeinsam mit anderen AP-Fotografen mit dem Pulitzer-Preis geehrt.

Im Interview mit Spiegel Online sprach Niedringhaus kurz nach der Auszeichung mit dem Pulitzer-Preis über ihre Arbeit in Kriegs- und Krisengebieten und ihre Arbeitsauffassung. Schon dort machte sie klar, dass sie möglichst dicht am Geschehen sein wolle - ohne Absicherung durch Soldaten. "Unter Kontrolle zu arbeiten, ist auf Dauer nichts für mich", sagte sie.

Bundesregierung fordert Aufklärung

Nur kurz nach der Meldung vom Tod Niedringhaus' schaltete sich die Bundesregierung ein. Die deutsche Botschaft in Kabul sei "mit Nachdruck um Aufklärung bemüht", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin.

Die beiden Organisationen Reporter ohne Grenzen (ROG) und Journalisten helfen Journalisten zeigten sich bestürzt über die Nachricht. "Der Angriff zeigt, wie extrem gefährlich Afghanistan für Journalisten immer noch ist", sagt ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. "Die Regierung muss dafür sorgen, dass Journalisten in den kommenden Tagen über die Präsidentschaftswahl berichten können, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen." Die schwierige Lage beschreibt auch ein aktueller, auf Interviews und Recherchen in Afghanistan fußender Bericht von Reporter ohne Grenzen.

Vor der am Samstag beginnenden Präsidentschaftswahl ist die Sicherheitslage in Afghanistan extrem angespannt. Im vergangenen Monat war ein schwedischer Reporter in Kabul auf offener Straße erschossen worden. Im Vorfeld der Abstimmung verstärkten die radikalislamischen Taliban ihre Angriffe. Sie drohten damit, die Wahl zu boykottieren und gewaltsam zu stören.

Linktipp: Afghanistan Seen Through the Lens of Anja Niedringhaus - eine Fotoserie via The Atlantic