"American Crime Story" in den USA War O. J. Simpson schuldig?

Hat er seine Ex-Frau umgebracht? Cuba Gooding jr. als O.J. Simpson.

(Foto: Ray Mickshaw/AP)

Eine neues True-Crime-Format erzählt in den USA den berühmten Fall von O. J. Simpson als TV-Serie - mit Cuba Gooding jr. und John Travolta.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Nein, man wird am Ende der zehn Folgen nicht erfahren, ob O. J. Simpson im Juni 1994 tatsächlich seine Ex-Frau Nicole Brown und deren Liebhaber umgebracht hat. Doch mal ganz ehrlich: Ob das die Leute heute immer noch so brennend interessiert wie damals? Und hat nicht sowieso jeder längst ein Urteil gefällt über einen der spektakulärsten Kriminalfälle der Geschichte? Ist nicht viel bedeutsamer, wie die Welt und das Gericht mit den Geschworenen damals zu ihrem Urteil gelangten? Oder anders: Wie die Geschworenen am Ende keine andere Wahl hatten, als Simpson freizusprechen.

Genau darum geht es in der Serie American Crime Story, die sich mit dem Untertitel The People v. O. J. Simpson (bisher nur beim US-Sender FX) jetzt mit diesem Fall auseinandersetzt, der viel mehr ist als nur eine Kriminalgeschichte. Er ist ein Bestandteil der Popkultur: Es ging um Rassismus und Sexismus, um Vorurteile und nicht zuletzt um den Einfluss berühmter und mächtiger Menschen auf die mediale Aufbereitung und damit den Zuschauer.

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Die Verfolgungsjagd war der Beginn der 24-Stunden-vor-Ort-Nachrichten, die Berichterstattung über den Prozess ein Vorläufer des Reality-TV. Ohne diesen Fall gäbe es wohl keine Promi-Webseiten wie TMZ, und die Kardashians wären wohl nicht berühmt - schließlich war Robert, der Vater von Kourtney, Kim, Khloé und Rob, damals Simpsons Anwalt. Eric Garcetti wäre vielleicht heute nicht Bürgermeister von Los Angeles, wäre sein Vater Gil nicht der Strafverfolger gewesen. Es gäbe auch keine Sendungen wie Diary, in denen Promis wie Jennifer Lopez oder Beyoncé rund um die Uhr begleitet werden.

American Crime Story verbindet virtuos drei Genres

Der Slogan von Diary lautet: "Du glaubst, alles zu wissen - doch Du hast keine Ahnung!" Genau an diesem Punkt setzt diese Sendung ein, die nicht nur aufgrund herausragender Schauspieler (Cuba Gooding jr. als Simpson, David Schwimmer und John Travolta als dessen Anwälte Robert Kardashian und Robert Shapiro) grandios geworden ist. Bereits zu Beginn wird der Zuschauer an die Bilder der seltsam langsamen Verfolgungsfahrt auf der Interstate 405 von Orange County nach Los Angeles erinnert, vorne Simpson in einem weißen Ford Bronco, hinten die Polizei. Manch Zuschauer hat womöglich selbst auf einer der Highway-Brücken gestanden und Simpson zugejubelt - aber er hat noch immer keine Ahnung davon, was in diesem Auto während der Fahrt passiert ist.

Diesen Kniff nutzt Erfinder Ryan Murphy (Glee, American Horror Story) immer wieder: Er zeigt bekannte Details und erklärt dann aus dem Blickwinkel eines der Protagonisten - Simpson, Anwälte, Polizisten, Strafverfolger, Angehörige der Opfer -, wie es dazu gekommen sein soll. Der Zuschauer bekommt permanent Dinge gezeigt, die er von damals kennt, dann werden an dramaturgisch bedeutsamen Stellen die Wissenslücken gefüllt. Nach zehn unterhaltsamen Fernsehstunden kann man noch immer nur ahnen, ob Simpson schuldig ist. Man weiß nun aber, und das ist die große Leistung von Murphy, wie es zu diesem Urteil gekommen ist und warum auch all die Nachbeben des Falles (Simpson wurde von einem Zivilgericht für schuldig befunden und musste Millionen zahlen, derzeit sitzt er wegen Raubs im Gefängnis) unvermeidlich waren.

American Crime Story verbindet virtuos drei Genres, die im US-Fernsehen gerade überaus beliebt sind: Anthologien wie American Horror Story oder True Detective, bei denen in jeder Staffel ein neues Thema mit neuen Darstellern bearbeitet wird. Das Dokumentieren berühmter Kriminalfälle wie etwa How to Make a Murderer oder The Jinx. Die dramaturgische Aufbereitung einer wahren Geschichte wie in Aquarius (über Charles Manson), Manhattan (über Robert Oppenheimers Forschungen zum Bau einer Atombombe) oder The Astronaut Wives Club (über die Frauen der ersten US-Astronauten).

Bleibt die Frage, ob das Anthologie-Format in diesem Fall funktioniert, schließlich braucht es für die zweite Staffel einen Fall, der die Massen ähnlich elektrisiert hat wie das Drama um O. J. Simpson. Murphy hat schon eine Idee: Es soll um den Hurrikan Katrina gehen, der im Jahr 2005 New Orleans heimgesucht hat. "Meiner Meinung nach war Katrina ein verdammtes Verbrechen", sagt Murphy: "Ein Verbrechen gegen Leute, die keine Stimme bekommen haben. Wir werden es wie ein Verbrechen behandeln - genau darum geht es in dieser Sendung." Es geht um Spannung, es geht um Unterhaltung, vor allem aber geht es darum, dass der Zuschauer keine Ahnung hat.