Al-Dschasira geht in die USA Warten auf die "zwei Gesichter"

Das Logo von al-Dschasira - der Sender will nun in die USA expandieren.

(Foto: REUTERS)

Welche Absichten verfolgt al-Dschasira? Der arabische Sender bereitet ein eigenes Programm für die Vereinigten Staaten vor. Dort sind die Pläne des Emirs von Katar ein Politikum, viele trauen dem Vorhaben nicht.

Von Nikolaus Piper, New York

Seit 1. Januar ist al-Dschasira ein Amerikaner. An diesem Tag kaufte der panarabische Nachrichtensender Ex-Vizepräsident Al Gore und dessen Partnern den erfolglosen linken Kanal Current TV ab, um in den USA ein eigenes Programm zu starten: Al Jazeera America. Es soll in New York und Doha produziert werden. Der Kaufpreis wurde nie offiziell bestätigt, dürfte aber nach Medienberichten bei 500 Millionen Dollar gelegen haben. Wenn das stimmt, ist Al Gore heute 100 Millionen Dollar reicher - sein Anteil an Current lag bei 20 Prozent. Drei Wochen danach schrieb al-Dschasira mehr als 100 Stellen für die Büros in New York, San Francisco und Washington aus, worauf sich 8000 Bewerber gemeldet haben sollen.

Im Januar war das alles sensationell, jetzt ist es ziemlich ruhig um Al Jazeera America geworden. Der Sender hüllt sich über seine konkreten Pläne in Schweigen, Fragen nach genaueren Informationen werden höflich, aber hinhaltend und letztlich nicht beantwortet. Zum Beispiel ist nicht klar, ob, und wenn ja, wie viele Mitarbeiter tatsächlich eingestellt wurden. 126 Jobangebote stehen seit 28. Januar unverändert auf der Website des englischen Programms von al-Dschasira.

Nach einem Bericht des Wall Street Journal prüft das Management einen Umzug in das ehemalige Gebäude der New York Times am Times Square. Das Ergebnis der Prüfung ist noch völlig offen. Al Dschasira hat die CBRE Group, eine globale Spezialfirma für Gewerbeimmobilien, mit der Suche nach einem Standort beauftragt. Heute gibt es nur eine Redaktion in der Nähe der UN an der First Avenue, außerdem wurde eine Behelfsunterkunft im Manhattan Center an der 34. Straße gemietet.

Der Verkauf von Current TV an den Staatssender, der dem Emir von Katar, Scheich Hamad ibn Chalifa Al Thani, gehört, ist in den Vereinigten Staaten bis heute ein Politikum. Noch ist nicht vergessen, wie al-Dschasira nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 Videos von al-Qaida ungefiltert sendete. Nach dem Deal mit Al Gore gab es erst einmal ein Missverständnis: Der Kabelbetreiber Time Warner Cable (TWC) kündigte an, das Programm rauszuwerfen, was wie Zensur aussah.

Tatsächlich gibt es das englische Angebot von al-Dschasira aber bereits seit 1. August 2011 auf TWC, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Leute aus Doha nutzen den Platz des spanischen Kanals RISE, der sein eigenes Programm eingestellt hat, und können so zwei Millionen Haushalte im Großraum New York erreichen. Zu sehen ist der Kanal auf Platz 92, was gar nicht schlecht ist, wenn man bedenkt, dass CNN Platz 78 hält und BBC America Platz 106. Verschwunden ist dagegen Current TV, dessen Programm auf einigen kleineren Netzen weiterläuft und in dem es keinerlei Hinweis auf den Eigentümerwechsel gibt. Angeblich wollte sich Time Warner Cable schon früher von Current trennen, weil es zu wenige Zuschauer brachte. Richtig ist allerdings auch, dass die eigentliche Auseinandersetzung ums Kabel noch bevorsteht. Die Investition des Emirs - eine halbe Milliarde Dollar für einen Kabelkanal, dem die Zuschauer davonliefen - hat nur dann Sinn, wenn der Sender in den Kabeln Amerikas verbreitet wird.

Sobald diese Entscheidung ansteht, wird auch der Streit um al-Dschasira wieder aufleben. Dabei geht es immer um die Frage: Wie unabhängig ist der Journalismus von der arabischen Halbinsel ("al-Dschasira" heißt "die Insel")? Das betrifft durchaus nicht nur die USA. Kritiker berichten, die Regierung Katars nehme immer mehr Einfluss auf die Berichterstattung, oft für die Anliegen der ägyptischen Muslimbruderschaft. Der Deutschland-Korrespondent des Senders, Aktham Suliman, kündigte im vergangenen Oktober, weil er seine Arbeit gefährdet sah. Der israelische Journalist Oren Kessler warf al-Dschasira vor, "zwei Gesichter" zu haben: die englische Ausgabe als Beispiel von professionellem Journalismus, die arabische als Propagandainstrument.

Wortduell bei der Daily Show

Der republikanische Kongressabgeordnete Tim Murphy aus Pennsylvania verlangte von der zuständigen Regulierungsbehörde FCC, sie solle untersuchen, ob der Kaufvertrag zwischen Al Gore und al-Dschasira überhaupt rechtens war. Der Sender aus Katar hat allerdings auch Fürsprecher in Washington. "Man muss nicht übereinstimmen mit den Inhalten von al-Dschasira", sagte Ex-Außenministerin Hillary Clinton. "Aber man hat das Gefühl, rund um die Uhr richtige Nachrichten zu bekommen und nicht nur eine Million Werbespots und Wortwechsel zwischen Fernsehköpfen und all die anderen Dinge aus unseren Nachrichtensendungen, die nicht besonders informativ sind." Tatsächlich hat al-Dschasira in den Vereinigten Staaten, zusammen mit dem anderen Nischenanbieter BBC, ein Alleinstellungsmerkmal: In keinem anderen Kanal findet man eine so breite Auslandsberichterstattung.

Aufschlussreich war eine Auseinandersetzung zwischen dem Verkäufer Al Gore und dem liberalen Komödianten Jon Stewart in dessen Daily Show. Stewart nahm Gore, der für seine Kampagne gegen den Klimawandel 2007 den Friedensnobelpreis bekommen hatte, als "Medienmogul" hoch: "Was mich verwirrt ist: Kann der Mogul, der Current TV an Katar verkauft, einer auf Erdöl basierenden Wirtschaft, mit dem Aktivisten Al Gore koexistieren? Hätten Sie nicht eine nachhaltigere Lösung finden können, um Ihr Geschäft zu verkaufen?" Worauf Gore antwortete: "Die haben die qualitativ am höchsten stehende, ausgiebigste und beste Klimaberichterstattung von allen Sendern in der Welt." Einwand Stewarts: "Aber das hätten Sie doch mit Current TV auch machen können." Und Gore: "Ohne viel Geld hätten wir immer alleine gegen die Konkurrenz gestanden."