Affäre der BBC Tantchen in der Krise

In der BBC, von den Briten scherzhaft Auntie genannt, lebt die alte Größe des Empires fort. Sie gilt als Institution, die weltweit Standards setzt - und sieht sich auch selbst so. Bis jetzt. In der jüngsten Krise fürchten viele Briten um einen Teil ihrer nationalen Identität.

Von Alexander Menden, London

Die BBC ist die älteste landesweite Sendeanstalt der Welt - und in der größten Krise ihres 90-jährigen Bestehens.

(Foto: AP)

Vor dem Savile-Skandal hätten die meisten Briten auf die Frage, was ihnen als erstes zu der BBC-Sendung Newsnight einfiele, wohl geantwortet: "Dieses Interview mit Michael Howard." Das legendäre Gespräch ging im Mai 1997 über den Sender. Es drehte sich um die Entlassung eines Gefängnisdirektors und darum, ob der britische Innenminister Michael Howard sich in diesen Vorgang mit der Drohung eingemischt habe, den zuständigen Leiter der Strafvollzugsbehörde zu überstimmen. Newsnight-Moderator Jeremy Paxman stellte Howard ein Dutzend Mal dieselbe Frage: "Haben Sie gedroht, ihn zu überstimmen?" Und Howard gab ein Dutzend Mal eine ausweichende Antwort.

Das Interview ist im öffentlichen Gedächtnis geblieben, weil sich darin vieles kristallisiert, was als typisch für die beteiligten Personen und Institutionen galt: ein sich windender Politiker, ein gnadenlos nachfassender, seinem Ruf als BBC-Pitbull vollauf gerecht werdender Paxman. Und die Bestätigung von Newsnights Status als Goldstandard für unnachgiebigen Journalismus.

Der Schock, den die beiden jüngsten Newsnight-Skandale auszulösen imstande waren, ist in seiner ganzen Tiefe nur verständlich, wenn man sich vor Augen hält, welchen Vertrauensvorschuss die Sendung und ihr Sender noch immer genießen. Im Jahr 1980 in seiner heutigen Gestalt als halbstündige Live-Sendung mit Interviews, Analysen, Debattierrunden und aktuellen Beiträgen aus der Taufe gehoben, erarbeitete Newsnight sich in der Thatcher-Ära seinen Ruf als antagonistisches, aber journalistisch vorbildhaftes Format.

Unangreifbare Objektivität

Jeremy Paxman, der den Job als Newsnight-Anchorman seit 1989 versieht, ist in seiner zum Markenzeichen gewordenen Arroganz zwar eine Ausnahmeerscheinung bei der BBC. Aber Paxmans Abgehobenheit gilt vielen als Beweis seiner Unparteilichkeit, und im weiteren Sinne als Manifestation der unangreifbaren institutionellen Objektivität der BBC.

Die gesellschaftliche Rolle der halb scherzhaft, halb zärtlich "Auntie" (Tantchen) genannten British Broadcasting Corporation ist mit der keines anderen öffentlich-rechtlichen Senders vergleichbar. Die BBC wird, wie der Gesundheitsdienst NHS, von vielen Briten als Bestandteil ihrer nationalen Identität empfunden. Sie ist nicht nur die älteste landesweite Sendeanstalt der Welt, sondern trotz aller Sparmaßnahmen auch noch immer diejenige mit den meisten Angestellten. Als das britische Empire zu schrumpfen begann, traten viele, die zuvor für eine koloniale Offizierskarriere infrage gekommen wären, stattdessen in den Dienst des Senders, weil "BBC-Journalist" als einer der wenigen akzeptablen Berufe für einen wahren Gentleman galt.

Gerade hat das Medien-Museum in Bradford eine Ausstellung anlässlich des 90. Gründungstags der BBC angekündigt, in der "originale Artefakte aus ihren Anfangsjahren" gezeigt werden sollen. Darunter sind die Mikrofone, mit denen 1924 erstmals Glockenschläge von Big Ben aufgezeichnet wurden, die bis heute die Sechs-Uhr-Nachrichten bei BBC Radio 4 einläuten. Oder ein "Keksdosenradio", das die Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg über dem besetzen Europa abwarf, damit Widerstandskämpfer von der BBC ausgestrahlte "persönliche Nachrichten" empfangen konnten.

Göttliche Vision des Gründers Reith

In einem Land, das seine industrielle Tradition weitgehend aufgegeben hat, ist die BBC eine der wenigen verbliebenen Institutionen, die nicht nur eine museale, sondern auch eine lebendige Verbindung mit der glorreichen britischen Vergangenheit herstellen. Zugleich zieht man die BBC gerne zur Beantwortung der Frage heran, wo Britannien, das doch einmal die Welt regierte, überhaupt noch Standards setzt. Dann wird die Qualität von Serien wie Sherlock, der Naturfilme eines David Attenborough oder eben der journalistischen Arbeit von Sendungen wie Newsnight als "weltweit führend" gepriesen.

Das Selbstverständnis der Anstalt rührt nicht zuletzt von der Vision ihres Gründers John Reith her. Der schottische Pastorensohn gab die Marschrichtung aus, die BBC solle "bilden, informieren, unterhalten". Hinter dieser Forderung stand Reiths feste Überzeugung, mit der BBC das Werk Gottes zu tun. Reith war ein Moralist und Autokrat, der Ehescheidung als Sünde verdammte und nicht zögerte, den BBC-Redaktionen Briefe zu schicken, in denen er Kleinigkeiten wie den "zu plauderhaften Ton" eines Nachrichtensprechers harsch kritisierte. Solche Mikromanagement-Methoden sind heute undenkbar, was schon die Ahnungslosigkeit beweist, die der zurückgetretene BBC-Chef George Entwistle bei Interviews über das Newsnight-Debakel an den Tag legte.

Es würde niemand bei BBC mehr ernsthaft behaupten, Gottes Werk zu tun. Aber von ihrer Ausnahmestellung ist die BBC noch immer überzeugt. Davon wird sie sich nun erst einmal verabschieden müssen.