22. Dezember 2012 08:44 TV-Kritik: "Traumhochzeit" Kitsch ohne Herz

Linda de Mol und die Traumhochzeit: Das waren noch Zeiten. Große Gefühle, Kitsch und eine Champagner-Pyramide, aus der jeder mal einen Kelch ziehen wollte. Wenigstens die ist geblieben, in der blutleeren Neuauflage der einstigen Kultsendung.

Eine TV-Kritik von Verena Wolff

Schalke und der BVB - das geht eigentlich nicht zusammen. Paare, bei denen der eine Fan von Blau-Weiß und der andere von Schwarz-Gelb ist, sind eine echte Rarität. Und dass ein Mann in das Stadion des Erzrivalen geht, um der Geliebten einen Heiratsantrag zu machen - das muss wohl eine Premiere gewesen sein. Als "Vorhof zur Hölle" hat der Gelsenkirchener Krankenpfleger Karim den Eingangsbereich zur Veltins-Arena im Stadtteil Schalke bezeichnet. Nie hatte er das Stadion zuvor betreten, in dem seine langjährige Freundin Marina einen Stammplatz hat. Die wähnte sich bei einem Abendessen mit der Mama. Und bekam stattdessen einen Heiratsantrag.

So sieht sie aus, die Neuauflage der "Traumhochzeit". Headhunter Tobias seilt sich trotz Höhenangst von einem Frankfurter Hochhaus ab, um seiner Isabel die alles entscheidende Frage zu stellen. Und während Andrea aus Leipzig nichtsahnend im Studio-Publikum sitzt, flimmert ihr Dennis mit Liebesschwüren über die Monitore. Kaum hat sich das erste Staunen gelegt, kniet der 35-Jährige auch schon vor der Mutter seiner beiden Kinder und hält vor laufender Kamera um ihre Hand an.

Mit einem simplen Kniefall hätte Karim seiner Marina nicht kommen brauchen, wie er vor seinem Antrag der Moderatorin anvertraut. Ein bisschen pompöser durfte es schon sein für die Krankenpflegerin. Pompös ja, außergewöhnlich auch - aber vielleicht auch ein kleines bisschen übertrieben? Feuerwerke schon beim Antrag?

Die Traumhochzeit will sich modern geben, vier Jahre nach der gefloppten Neuauflage der Sendung im ZDF und zwölf Jahre nach ihrem Ende bei RTL. Das war noch was, damals - Schnulzenfernsehen par excellence. Vor allem die Damen ab 30 werden sich erinnern. Linda de Mol, die Moderatorin mit blonder Fönwelle und dem Charme von Frau Antje, die ziemlich viel ziemlich süß fand. Die ihre Kandidaten auch mal in den Arm nahm und gute Ratschläge gab. Die einfach aus einer anderen Zeit ist.

Zu glatt, zu einstudiert: Die Moderatoren Yared Dibaba und Susan Sideropoulos. 

(Foto: dpa)

Damals mischte RTL, das Privatfernsehen, die Sehgewohnheiten des Publikums auf. Statt "Einer wird gewinnen" gab es plötzlich "Die 100.000 Mark Show", "Tutti Frutti", "Alles nichts oder" - Formate, die schriller, schneller, lauter und bunter waren als alles, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu bieten hatte. Und eben die Traumhochzeit. Linda de Mol, viel Kitsch, die Annahme, jeder Mann müsse vor seiner Zukünftigen auf die Knie fallen - und all diese Spiele, die dem Publikum das Paar ein bisschen näher bringen sollte.

Und jetzt? Ist vieles genau so, wie es auch vor zwanzig Jahren schon war. Allerdings: Das Studio erinnert an das Bühnenbild von "Wetten, dass..?", eine lange helle Couch dominiert das Bild. Die Moderatoren: Susan Sideropoulos (32) und Yared Dibaba (43). Sie: früher eines der Sternchen bei "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und Tänzerin bei der sendereigenen Show "Let's Dance". Er: Moderator beim NDR, unter anderem vor der Kamera für die Sendung "Land und Liebe" - so etwas wie die öffentlich-rechtliche Version von "Bauer sucht Frau".

Unbeschriebene Blätter also, alle beide, irgendwie. Jeder mag seine Fans haben, aber die Mengen halten sich in Grenzen. Und weichgespült sind sie beide, irgendwie. Sie spulen die Vorstellungen ab, sprechen kurz mit den Kandidatenpaaren, huschen durch's Publikum. Aber so richtig springt der Funke nicht über. Zu glatt, zu einstudiert wirkt das alles. Und der gelegentliche Herrenwitz à la "Was liegt auf dem Nachttisch und vibriert - der Wecker" von Dibaba ist so alles andere als komisch

Spiele müssen die Paare miteinander durchstehen, die alle vorbei sind, ehe sie so richtig angefangen haben. Was bei Stefan Raab zu lange dauert, ist hier vorbei, ehe man zu wirklich Spannendem vorgedrungen ist. Ganz nett: Dibaba durchpflügt die Wohnungen der Kandidaten und stellt dabei verschiedene vermeintlich einfache Fragen, die die Kandidaten regelmäßig scheitern lassen: "Wie viele Steckdosen sind unter dem Spiegel im Bad". Oder: "Was ist in dem Behälter in der Küche ganz rechts unten?" Nicht so richtig schwierig, aber dennoch offenbar kniffelig für die Paare, die angetreten sind, am Ende der Sendung live im Studio getraut zu werden.

"Die Frauen haben die Hosen an und die Männer schauen Pornos", das ist die Erkenntnis des Paar-Checks, bei dem die Hochzeitsgesellschaften ihr Wissen über das Brautpaar zeigen müssen. Aha. Beim Tanzen müssen die Paare Hüften kreisen lassen und Taktgefühl beweisen, das Publikum stimmt ab. Und bei einem Spielchen namens Feuer und Flamme, bei dem die allesamt langhaarigen Damen wohl aus Feuerschutzgründen mit einem Beutel auf dem Kopf teilnehmen müssen, sollen brennende Herzen per Katapult in einen Bottich befördert werden. Auch das ist mäßig spannend und geht schnell vorbei.

Wirklich spannend und vergleichsweise ungeschnitten wirkt der Klassiker im neu aufgelegten Klassiker: Die Champagner-Pyramide. Abwechselnd müssen die Pärchen gefüllte Champagnergläser aus einer aufgestapelten Pyramide ziehen. Für das Paar, bei dem das wackelige Konstrukt einstürzt, ist der Traum in Weiß geplatzt. Lange sehen Isabel und Tobias, die blonde Studentin und der Headhunter, nach dem Paar aus, das die Standesbeamtin in den letzten zehn Minuten der Sendung trauen wird. Doch unter Isabels Hand bricht die Pyramide zusammen. Und der sehr ehrgeizig wirkende Bräutigam in spe, der seine "extreme Höhenangst" für einen Hollywood-Antrag überwindet, muss mit einem Gutschein für Flitterwochen statt einer Traumhochzeit das Studio verlassen. Glücklich sah er nicht aus.

Ganz anders Karim und seine Holde, der Schalke-Fan. Beide vollführen Luftsprünge, als die Pyramide zusammenbricht und wissen nicht so recht, wen sie zuerst umarmen und herzen sollten. Schnell werden beide hinter die Bühne verfrachtet, während ein kleiner Trau-Platz hergerichtet wird. Karim im schwarzen Anzug, seine Braut in einer voluminösen, schulterfreien Kreation mit Schleppe und Schleier. Beide offensichtlich glücklich und auf einmal ein bisschen schüchtern.

Aber gut. Das Ziel der Show ist erreicht, zwei Menschen heiraten. Linda de Mol ist jetzt schwarz, wie Moderator Dibaba zu Beginn der Sendung so eloquent bemerkte. Und der bewegendste Moment der Show passiert noch vor der ersten Werbeunterbrechung. Da nämlich kommt überraschend die offenbar aus Algerien eingeflogene Mutter des Deutsch-Algeriers Karim ins Studio, die das Brautpaar seit langem nicht gesehen hat. Die kleine Frau mit Kopftuch und Brille herzt ihren Sohn und dessen Verlobte, ganz ohne Rücksicht auf Kameras und Studio-Publikum. Ein echter Gänsehaut-Moment.