22. Dezember 2012 10:15 Martin-Suter-Verfilmungen im ZDF Festspiele für das Kopfkino

Martin Suters Romane gelten schon als Bestseller, bevor sie überhaupt erscheinen. Das ZDF hat zwei seiner Bücher verfilmt, heute läuft der Der Teufel von Mailand. Doch Suters Fähigkeit, das Kopfkino des Lesers in Gang zu setzen, ist eine große Herausforderung für Filmemacher und Schauspieler. Stefan Kurt meisterte sie mit Bravour.

Eine Begegnung. Von Moritz Baumstieger

Er finde die Inspiration zu seinen Romancharakteren meistens in sich selbst, sagte Martin Suter kürzlich. Wenn man den Schweizer Autor an einem Wintermorgen trifft, um über die Filmadaptionen seiner Romane im ZDF zu sprechen, muss man diesen Satz auch auf die Figur des Kunstauktionators Adrian beziehen, Hauptfigur in Der letzte Weynfeldt: stets korrekt gekleidet, stets vollendete Manieren, stets darum bemüht, es den Mitmenschen recht zu machen.

"Tust du alles, worum du gebeten wirst?", wird Weynfeldt einmal von der geheimnisvollen Lorena gefragt. "Wenn es in meiner Macht steht", antwortet der. Kurz zuvor hatte er in einer Edelboutique seine Kreditkarte auf den Verkaufstresen gelegt. Das Abendkleid in Lorenas Handtasche, dummerweise war es nicht bezahlt.

Martin Suter, 1948 in Zürich geboren, arbeitete unter anderem als Journalist und gründete 1981 eine Werbeagentur. Sein erster Roman erschien 1997.

(Foto: dpa)

Auch Martin Suter hilft gerne. Eine Fotografin möchte beim Pressertermin draußen vor dem Hotel Porträts schießen, es ist sehr kalt, der auf Ibiza und in Guatemala lebende Autor hat keinen Mantel eingepackt. Kein Problem. Taxi, fünf Minuten Suche, schon ist das passende Stück gekauft. Schwarz, klassischer Schnitt, die Fotos können gemacht werden. Bitte sehr.

Zwei Romane von Martin Suter hat das ZDF gemeinsam mit dem Schweizer Fernsehen (SF) verfilmt, in diesem Jahr Der Teufel von Mailand, vor zwei Jahren bereits Der letzte Weynfeldt. Beide laufen nun zum ersten Mal im deutschen Fernsehen.

Dazu kamen in den letzten Jahren noch drei Kinoproduktionen, eine vierte wird gerade gedreht. Und die ARD zeigt zudem den Film Giulias Verschwinden, für den Suter das Drehbuch schrieb, am 27. Dezember. Ob so viel Suter das Publikum irgendwann ermüden könnte? "Ach, das hat ja noch keine Rosamunde-Pilcher-Dimensionen", sagt er, "da habe ich keine Angst."

Martin Suter weiß, wie man die Masse unterhält. Das Label "Beststeller" bekommen seine Romane meist schon vor Erscheinen verliehen, seine Fans feiern den Schriftsteller für seine oft absurden Geschichten - und dafür, dass er mit kurzen, reduzierten Sätzen ein Kopfkino auslösen kann. Literaturkritiker dagegen machen ihm "tote, vollkommen nichtssagende Beschreibungssätze" (Die Zeit) zum Vorwurf. Trotzdem: Suter müsste ideales Filmmaterial sein. Aber dazu später.

Bittet man den Autor, die Methode Suter zu erklären, sieht er sich im Hotelsaal um. Sein Blick bleibt an der Tapete mit dem wilden Muster in Schwarz-Weiß hängen, vor der er sich eben noch fotografieren ließ - ohne den neuen Mantel. Wir alle hätten dieselben Bilder abgespeichert, sagt er. Um die hervorzuholen, müsse er sich nur entscheiden, was erwähnenswert sei. "Für eine Szene hier in diesem Konferenzraum zum Beispiel: Die seltsame Tapete brauche ich nicht zu beschreiben, aber diese Tabletts mit den vier Flaschen, zwei mit Gas, zwei ohne Gas. Der Kaffeegeruch, die spiegelnde Tischplatte - schon haben Sie ein Bild, schon läuft der Film in Ihrem Kopf." Reduzieren. Drei, vier typische Dinge als Assoziationsrahmen. So funktioniert Suters Baukastenprinzip.

Dezent-elegante Kulisse des Zürcher Großbürgertums

Doch eine szenische Erzählweise, und da wäre man wieder bei den Verfilmungen des ZDF, machen ein Buch nicht unbedingt zu einer einfachen Drehbuchvorlage, und erst recht nicht zu einem guten Film.

Die beiden neuen Produktionen jedenfalls fallen recht unterschiedlich aus. Doch so wie die Romanfigur Weynfeldt Kritik stets höflich und zurückhaltend äußern würde, hält es auch der Autor Suter. Wenn man mit ihm über die filmische Umsetzung seiner Romane spricht, lässt er, ganz sanft, durchblicken, dass er nicht alle gleich geglückt findet. Der letzte Weynfeldt etwa, dessen Titelrolle dem Schauspieler Stefan Kurt auf den Leib geschrieben zu sein scheint, findet der Autor "vom Atmosphärischen und der Werktreue her sehr gelungen".

Den Zuschauer interessiert das Atmosphärische wahrscheinlich meist mehr als die Werktreue, aber es stimmt: Die Darsteller (unter ihnen Vadim Glowna in einer seiner letzten Rollen) wirken vor der dezent-eleganten Kulisse des Zürcher Großbürgertums derart stimmig, dass man selbst auf dem Sofa leicht auf die Idee kommen könnte, seine Manschettenknöpfe auf korrekten Sitz zu überprüfen.

Und der andere Film? Suter lächelt. Direkte Kritik ist seine Sache nicht, eben noch hatte er erklärt, bei Verfilmungen seiner Werke nur reinzureden, wenn er gefragt werde. "In manchen Fällen äußere ich eine sehr dezidierte Meinung, ob Dinge gehen oder nicht", fuhr er dann mit leiser Stimme fort. "Wenn ich dann das fertige Produkt sehe, merke ich, dass meine Meinung nicht sehr folgenreich war."

Auch beim Teufel von Mailand? Im Roman tritt Physiotherapeutin Sonia (Regula Grauwiller) eine Stelle in einem wiedereröffneten Grandhotel in den Schweizer Alpen an, nachdem ihr Mann sie hatte umbringen wollen. Das Hotel scheint mit einem Fluch belegt zu sein, die alte Volkssage über den Teufel von Mailand scheint Realität zu werden.

Was im Film von Markus Welter fast als Fantasy-Action vor Alpenkulisse daherkommt, hat im Roman eine zweite Ebene. Die Hauptfigur nimmt LSD und leidet an Synästhesie: Farben, Zahlen, Zeichen verschwimmen in ihrer Wahrnehmung. "Ich habe bisher nur die Rohfassung gesehen", sagt Suter, "da fehlte beides. Dabei war mir das im Roman schon sehr wichtig."

Natürlich sind derartige Visionen schwer in Bilder umzusetzen, im Film fehlen sie einfach. Fernsehunterhaltung hält eben manchmal noch etwas weniger Komplexität aus. Die Ehrfurcht vor dem Autor Suter, sagt der Autor Suter, halte sich bei den Verfassern von Drehbüchern in Grenzen.

Bevor Martin Suter seinen ersten Roman verfasste, textete er für Werbeagenturen, schrieb Kolumnen und Drehbücher. Die Drehbücher zu seinen Romanen schreibt er trotzdem nicht selbst. "Aus einem fertigen Produkt wieder ein Rohprodukt zu machen, hat mich nie interessiert. Das wäre reine Fleißarbeit."

Das Böse notwendig für das Gute

Vielleicht ist Suter mit seinen 64 Jahren aber auch einfach zu schlau, um sich auf diese Aufgabe einzulassen. Dass Regisseure und Drehbuchautoren es bei Literaturverfilmungen schwer haben, gegen die Bilder im Kopf des Lesers anzukommen, weiß natürlich auch er.

Und Suter scheinen die rein organisatorischen Einschränkungen, die das Medium Film mit sich bringt, auch lästig zu sein. "Ich kann beispielsweise schreiben: Als er über die Schulter blickte, brannte die Stadt - ohne, dass mein Lektor einen Anfall bekommt. Bei einem Produzenten wäre das anders."

Über die Feiertage wird Suter in der Schweiz weilen. Und obwohl er dort deutsches Fernsehen empfängt, wird er die Suter-Festspiele nicht einschalten. Das liege an seiner sechsjährigen Tochter. Sie möge keine Filme, in denen böse Menschen vorkommen. "Ich sage immer: Du brauchst die Bösen, damit das Gute siegen kann." Aber das, sagt er, sei ihr zu intellektuell.

Der Teufel von Mailand, ZDF, 21.45 Uhr; Der letzte Weynfeldt, ZDF, 5. Januar, 21.45 Uhr.