15. Februar 2013 19:13 Debatte um TV-Duell mit Stefan Raab Im Wok der Eitelkeiten

Von Nico Fried, Berlin

Früher ließen sich Kanzler zu keinem TV-Duell herab. Heute geht es nicht mehr ohne - nur sieht man vor lauter Moderatoren die Politiker nicht mehr. Nun soll es mit Stefan Raab auch noch lustig werden.

Die Geschichte der Fernsehduelle in Deutschland beginnt mit einem Duell, das nie stattfand. 1969 forderte der SPD-Kanzlerkandidat und Außenminister der Großen Koalition, Willy Brandt, den CDU-Kanzler Kurt-Georg Kiesinger zu einem gemeinsamen Auftritt auf. Kiesinger aber wollte nicht. Auch eine Runde mit den Spitzen der Bundestags-Parteien, derer es damals nur vier gab, lehnte er ab: "Es steht dem Kanzler der Bundesrepublik nicht gut an, sich auf ein Stühlchen zu setzen und zu warten, bis ihm das Wort erteilt wird", lautete seine Begründung.

Mittlerweile ist das TV-Duell fester Bestandteil des Bundestagswahlkampfes. Amtsinhaber und Herausforderer stehen an Tischen und warten, bis ihnen das Wort erteilt wird. Allen globalen Krisen zum Trotz erscheint als wichtigste Frage stets, ob beide Kandidaten in etwa gleich lang geredet haben, was mit Stoppuhren festgestellt wird. Zudem hat es sich eingebürgert, dass doppelt so viele Moderatoren moderieren als Politiker politisieren. 2013 soll wieder ein Duell abgehalten werden. Und darüber gibt es nun eine Debatte, die vermutlich früher oder später auch Gegenstand einer Talkshow wird.

Man nennt so etwas gerne ein Spannungsfeld

Es ist nun wohl nicht verkehrt, zunächst einmal klarzustellen, worum es geht: Stefan Raab soll an einem Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück als Moderator teilnehmen - nicht als zusätzlicher Kandidat. Die Bedeutung, die dem Thema seit einer Woche im politischen Diskurs beigemessen worden ist, barg die Gefahr eines solchen Missverständnisses. Stefan Raab als Kandidat ist aber schon deshalb schwierig, weil es sich dann nicht mehr um ein Duell handeln würde, sondern um ein, tja, wie heißt das eigentlich, wenn es drei sind? Zuschriften bitte in der Werbepause an die Redaktion.

Schon sind wir mitten im Thema Politik und Fernsehunterhaltung. Man nennt so etwas gerne ein Spannungsfeld. Der Vorschlag, Raab als Moderator ins Studio zu schicken, stammt von Edmund Stoiber, langjähriger Ministerpräsident und kurzzeitiger Beinahe-Kanzler. Vorgetragen hat er ihn jüngst im Spiegel, dessen Interviewer den Ruf ihres Magazins als Hort eines kritischen Journalismus durch wiederholte, skeptische Nachfragen ehrenvoll verteidigten: "Könnten Sie die Kanzlerin verstehen, wenn die sagen würde, ich lasse mich nicht von einem Moderator befragen, der sonst mit einem Wok unter dem Hintern einen Eiskanal runtersaust?", hielten sie Stoiber entgegen. Und dann, fast entsetzt: "Sie wollen ernsthaft einen Unterhalter in den wichtigsten politischen Schlagabtausch des Jahres schicken?" Stoiber will.

Diese Meldung nahm eine Fahrt auf, dass jeder Wok im Eiskanal neidisch geworden wäre. Und eine Ironie an der Geschichte ist, dass dazu niemand mehr beigetragen hat als Peer Steinbrück, der SPD-Kanzlerkandidat, der sich seit Wochen darum bemüht, dass nicht mehr über Nebensächlichkeiten wie Vortragshonorare, Kanzlergehälter oder Internetforen mit unbekannten Geldgebern diskutiert wird, sondern über, genau: richtige Politik. Steinbrück also lehnte Raab am Mittwoch in der Passauer Neuen Presse als Moderator mit entschiedenen Worten ab: "Politik ist keine Unterhaltungssendung, sondern ein ernstes Geschäft, ohne dass es dabei humorlos zugehen muss." Am Freitag stimmte er Raab dann in der Bild-Zeitung plötzlich zu, Steinbrück selbst nennt solche pointierten Meinungsänderungen Lernkurven. Davon hat er mittlerweile so viele gezogen, dass Raab daraus locker eine Wok-Rodelbahn bauen könnte.

Edmund Stoiber, der Politrentner, hat freilich ein sogenanntes ernstes Anliegen (mal abgesehen davon, dass er Beirat der Sendergruppe ProSiebenSat1 ist, für die auch Stefan Raab arbeitet). Stoiber, 71, will junge Wähler für Politik interessieren. Und wenn man ihn recht versteht, glaubt er, dass Raab einige davon zum TV-Duell quasi mitbringen würde. Raab selbst glaubt das übrigens auch, wie er dem Mediendienst DWDL sagte: "Wenn man junge Leute erreichen will, muss man auch dahin gehen, wo sie sind. Es nützt ja nichts, wenn man seinen alten Routinen treu bleibt."

Erlebnishorizont wie Oma und Opa

Die alten Routinen. Das ist zumindest kein schlechter Begriff auch für dieses Jahr der Bundestagswahl. 2013 hält nämlich ein bemerkenswertes Phänomen bereit: Schon Angela Merkel ist ja, bei allem Respekt, mit ihren 58 Jahren nicht mehr die Jüngste - gleichwohl sind gleich vier andere Spitzenkandidaten älter als sie: Rainer Brüderle, FDP, 67; Peer Steinbrück, SPD, 66; Gregor Gysi, Die Linke, 65; Gerda Hasselfeldt, CSU, 62. Merkels Mitbewerber stehen also nicht gerade für den Vorwärtsdrang einer neuen Generation, sondern eher für alte Routinen, um nicht zu sagen: routinierte Alte. In dieses Bild passt von den zwei Grünen-Kandidaten auch Jürgen Trittin, der zwar eine Woche jünger ist als Merkel, aber nach dem politischen Lebensalter ebenfalls ein Senior, wenn man bedenkt, dass er vor 28 Jahren erstmals in ein Parlament einzog - früher als alle heutigen Mitbewerber.

Es ist mithin schon ein verständliches Anliegen, junge Leute an eine Politik heranzuführen, deren Protagonisten für manchen Erstwähler den selben Erlebnishorizont haben wie Oma und Opa. Kein Zweifel, Raab, 46, hat in seinem Leben schon Unmögliches möglich gemacht, die von ihm produzierte Lena Meyer-Landrut gewann 28 Jahre nach Nicole 2010 endlich wieder den Eurovision Song Contest für Deutschland. Gleichwohl wird man selbst von ihm nicht zu viel erwarten dürfen.

Als einer von vier Moderatoren wird Raab wohl wenig Chancen haben, besonders aufzufallen. Größer ist da schon die Gefahr, dass die Wills und Illners und Kloeppels versuchen, noch lustiger und schlagfertiger zu sein, als sie es schon beim letzten Mal nicht waren. Es ist ein Irrglaube, der aus der Überschätzung des Mediums Fernsehen resultieren dürfte, dass ein lebhafter Moderator genügt, um Politik attraktiver zu machen.

Am Ende werden das doch wieder die Politiker erledigen müssen.