Zum Tod von Leopold Hawelka Monument mit Melange

Von den vielen Kaffeehäusern in Wien ist das Hawelka das berühmteste. Leopold Hawelka, Cafetier, Grantler und Autorität, ist im Alter von 100 Jahren gestorben. Sein leerer Platz wird nun noch mehr Besucher anziehen.

Von Michael Frank

Bald werden sie alle behaupten, sie seien mit Leopold Hawelka befreundet gewesen. So ist das in Wien. Aber nichts davon ist wahr. Denn Leopold Hawelka, der am Donnerstagnachmittag in seinem 101. Lebensjahr gestorben ist, pflegte keine Freundschaften mit seinem Publikum: Solche Formen der Indiskretion wären ihm unmöglich gewesen; Vertraulichkeiten mit einzelnen Gästen liefen seinem Ethos als Cafetier zuwider; freundliche Distanz zu allen Besuchern seines weltberühmten Kaffeehauses in der Wiener Dorotheergasse war ihm Gesetz. Eher war es seine resolute Ehefrau Josefine - sie ist 2005 im ebenfalls gesegneten Alter von 91 Jahren gestorben - die sich, die Arme auf die Sofalehne gestützt, bei den Gästen erkundigte, ob alles recht sei.

Mit Josefine zusammen übernahm Leopold Hawelka 1939 das seit 1906 existierende Etablissement im Herzen Wiens. Nach Krieg und Militärdienst Ende 1945 wiedereröffnet, wurde das kleine Café allmählich zu der Attraktion, deren Fama heute fortlebt. Die Lage und die Persönlichkeit der Wirtsleute machten aus dem stubenartigen Gehäuse ein Refugium für erfolgreiche und verkrachte Literaten, für künstlerische Kitschbrüder und Avantgardisten - und für Touristen, die Georg Danzers musikalische Hommage vom "Nackerten im Hawelka" kannten. Viele Besucher kamen der prominenten Namen wegen, deren Trägern man dort meist vergeblich zu begegnen hoffte. So wandelte sich das Hawelka irgendwann vom Künstlerlokal mit Touristen zum Touristenlokal mit Nostalgie fürs einstige Künstlerpublikum.

Leopold Hawelka selbst wurde dafür zur Tradition: Er saß in den letzten Jahren mit Fliege und gebührendem Ernst als Monument seiner selbst an einem Marmortischchen vor seinem "Schalerl Melange", gab ehrfürchtigen Besuchern Autogramme. Früher war er der Dirigent des Ortes, wies die Plätze zu, setzte schon einmal in der drangvollen Enge des kleinen Gastraumes Gäste an schon besetzten Tischen zusammen, was normalerweise in Wien als ganz unmöglich gilt. Autoritäten wie Hawelka durften das, haben so Zufallsbekanntschaften von einiger Tragfähigkeit gestiftet.

Die neue Rauchergesetzgebung suchte man - vergeblich - mit dem Trick zu umgehen, das Hawelka unter Denkmalschutz zu stellen, samt der Qualmerei. Das Café verdankte seinen Charme auch der rauchgebeizten Atmosphäre. Eine Herausforderung für die Wirtsleute bestand darin, das Haus immer mal wieder zu renovieren, ohne ihm die verqualmte Kaschemmen-Aura zu rauben. Seit langem wird das Haus von Sohn Günter und den Enkeln Michael und Amir geführt. Dass der Prinzipal selbst von nun an nicht mehr täglich an seinem Tischchen sitzt, wird die üppige Legendenbildung um Wiens berühmtesten Cafetier nur noch beflügeln.