Zugspitzlauf Der Sieg der Vernunft

"Die Verlegung war gar keine Frage:" Schweren Herzens fügen sich Veranstalter und Teilnehmer des Zugspitzlaufs dem schlechten Wetter. Der Lauf wurde auf eine Ausweichstrecke verlegt.

Von Birgit Lutz-Temsch

Den höchsten Pulsschlag hat Michael Barz erst nach dem Lauf. Der Zweitplatzierte des Zugspitzlaufs sagt seine Meinung. Es ist eine Szene, fast wie damals bei der legendären Pressekonferenz von Giovanni Trapattoni, als dem damaligen Bayern-Trainer der Kragen platzte.

Barz ist ein erfahrener Bergläufer. Sieben Mal ist er schon beim Zugspitzlauf gestartet. Den 36-Jährigen aus Durach bei Kempten stört der Medienrummel, der mangelnde Sachverstand vieler Journalisten, die im Vorfeld über Todeszonen geschrieben haben und ihn stört der mangelnde Trainingszustand mancher Läufer.

"Es gibt im Alpenraum mehrere Bergläufe durch hochalpines Gelände. Nie kommen so viele Journalisten. Niemand interessiert sich dafür. Die ganzen Journalisten sind doch nur wegen der Tragödie im vergangenen Jahr hier", sagt er. "Bei den anderen Läufen ist bisher nichts passiert, weil die Veranstalter das Glück hatten, dass keine Teilnehmer dabei waren, die keine Ahnung von Bergläufen haben. Aber wenn sich solche Leute anmelden, dann kann man doch nicht den Veranstalter dafür verantwortlich machen." Barz redet sich in Rage. Nach einem Lauf, der besonders war, aus mehreren Gründen.

Im vergangenen Jahr waren beim Zugspitzlauf zwei Menschen gestorben und mehrere verletzt worden, weil sie trotz des vorhergesagten schlechten Wetters in kurzen Hosen und Trikots gestartet waren. Der Veranstalter Peter Krinninger hat deshalb in der vergangenen Woche einen Strafbefehl wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen und fahrlässiger Körperverletzung in neun Fällen bekommen. Er hat Einspruch eingelegt. Deshalb kommt es im November zur Verhandlung, bei der die ganzen Geschehnisse noch einmal aufgerollt werden. Die Veranstaltung stand auch deshalb unter enormer Beobachtung.

Der Zugspitzlauf führt normalerweise über eine Distanz von 17,94 Kilometer und 2235 Höhenmeter. Für Anstrengungen dieser Art sind ein Training, Gewöhnung an die Höhe und Bergerfahrung nötig. Die spezifische Schwierigkeit beim Zugspitzlauf ist, dass man den Lauf aus logistischen Gründen nicht abbrechen kann - die einzige Ausstiegsstelle liegt an der Station Sonnalpin auf dem Zugspitzplatt, doch auch bis dorthin sind schon 1836 Höhenmeter zu überwinden. Vom Platt gelangt man dann mit einer Seilbahn auf den Gipfel.

60 Zentimeter Neuschnee

Dieses Jahr ist das Wetter ähnlich schlecht wie 2008. Deshalb verlegt Krinninger den Lauf auf eine Ausweichstrecke. Am Samstagnachmittag war er oben am Zugspitzgipfel, zusammen mit der Bayerischen Bergwacht und der Tiroler Bergrettung. Im Schneetreiben. "Da hatte ich aber noch die Hoffnung, dass der Schnee irgendwann in Regen übergehen würde", erzählt er. "Dann wäre der Schnee vielleicht wieder verschwunden, wenigstens weiter unten. Das ist aber nicht passiert. Es hat bis neun Uhr am Abend weitergeschneit."

60 Zentimeter Neuschnee liegen am Sonntagmorgen in Gipfelnähe, bei der Station Sonnalpin, dem potentiellen Ziel der verkürzten Strecke, sind es noch ganze 30 Zentimeter. "Das sind perfekte Skiverhältnisse", sagt Krinninger, "aber keine Bedingungen für einen Berglauf. Weiter oben war sogar mäßige Lawinengefahr". Das sagt auch Christian Spielmann, der Obmann der Tiroler Bergrettung: "Das ist eine ganz klare Sache. Von 2000 Meter an lag Schnee. Es geht einfach nicht."

Krinningers Team schafft das ganze Material wie Zeitnahmegeräte und Verpflegung hinüber nach Lermoos zur Ersatzstrecke. "Hinter mir liegt ein Organisationsmarathon", sagt Krinninger. Die 479 Läufer erfahren am Sonntagmorgen am Start von der Entscheidung. Zehn Grad hat es in Ehrwald, der Gipfel der Zugspitze ist wolkenumhüllt - ein Bild wie im vergangenen Jahr. Am Gipfel hat es fünf Grad minus, es weht starker Wind. Die meisten Läufer tragen lange Kleidung, aber ein paar mit kurzen Hosen sind auch wieder darunter.

Lehrgeld bezahlt

Die meisten Sportler reagieren mit Verständnis auf die Entscheidung. Michael Epp, der auch 2008 am Start war, sagt: "Bis zum Sonnalpin wäre ich ja schon gern gelaufen. Aber ich verstehe, dass es nicht geht." Epp trägt lange Kleidung, Handschuhe, Mütze. "Das ist peinlich", sagt er, "aber ich musste Lehrgeld bezahlen. Ich bin 2008 in kurzer Kleidung gestartet. Und war deutlich unterkühlt, als ich oben ankam. Ich habe immer noch Schwierigkeiten mit meinen Fingern, die ich mir erfroren habe."

Einige Läufer kritisieren Krinningers langes Zögern: "Der Veranstalter hätte früher entscheiden müssen", sagt Mike Wendt aus Kössen. Berglauf-Cracks wie er wären dann nämlich gar nicht extra angereist. Denn die Ersatzstrecke führt nicht durch hochalpines Gelände, ihr Ziel liegt auf 1714 Meter bei der Grubigalm oberhalb von Lermoos. 762 Höhenmeter sind zu überwinden, auf einer Distanz von 13,3 Kilometern. Fünf Grad hat es am Morgen auf der Grubigalm. Ein normaler Berglauf. Nichts Extremes.

Seine erste extreme Situation erlebt der Erstplatzierte Uli Dammenmüller dann auch erst im Ziel. Eine ganze Horde Journalisten stürzt sich auf ihn, Reporter strecken ihm Mikrofone entgegen, Kameras klicken. Bei einem Lauf wie dem, den der 36-Jährige gerade gelaufen ist, dreht sich normalerweise nicht einmal der Hüttenhund um, wenn der Erste ins Ziel kommt. Aber weil dies eben kein normaler Lauf ist, lungern mehr als 100 Journalisten auf dem Platz vor der Grubigalm herum, kurz davor, sich gegenseitig zu interviewen.

Zu viel Adrenalin

Dammenmüller, der nach 56 Minuten ins Ziel kommt, will nicht als Sieger des Zugspitzlaufs gelten, sagt er, "das wäre nicht fair. Diese Strecke ist ja viel einfacher als die zur Zugspitze." Die Verlegung ist für ihn vernünftig: "Natürlich bin ich enttäuscht, weil ich ja auf den Zugspitzlauf hin trainiert habe, zum Beispiel mit einem Lauf auf das Nebelhorn. Aber das war ja heute morgen gar keine Frage, bei so viel Schnee. Als Läufer verliert man leicht den Überblick, hat so viel Adrenalin im Blut und kann während des Laufs nicht mehr richtig entscheiden. Es ist gut, wenn einem der Veranstalter diese Entscheidung abnimmt."

Die erste Frau, die nach 1.12 Stunden ins Ziel kommt, ist der gleichen Meinung: Madeleine Lorenz aus Annaberg-Buchholz ist auch im vergangenen Jahr mitgelaufen. "Mir ging's da auch gut, aber ich habe mich konditionell und von der Kleidung her auch entsprechend vorbereitet. Aus der Vernunft heraus war es sicher besser, dieses Jahr eine andere Strecke zu wählen", sagt die 26-Jährige.

In der Vernunftsfrage gibt Michael Barz der Läuferkollegin recht: "Ich weiß, auf welch vielfältige Weise es einen im Hochgebirge erwischen kann. Heute wäre ein Lauf auf den Gipfel eher eine Hochgebirgsexpedition gewesen. Und da ist die Wahrscheinlichkeit zu groß, dass wieder jemandem was passiert. Auch weil manche Läufer auf sowas gar nicht eingestellt sind."

Ob er erleichtert sei, dass nichts passiert sei, wird Krinninger gefragt. "Jeder Veranstalter ist erleichtert, wenn alles klappt", sagt er. "Was letztes Jahr passiert ist, hat aber die Entscheidung in diesem Jahr nicht beeinflusst." Die Tiroler Bergrettung, die mit 25 Mann an der Strecke vertreten war, hatte dann doch noch was zu tun. Einen Einsatz gab es: Eine Schürfwunde musste versorgt werden.

Wiesen statt Hochgebirge

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