Von Werner Bartens

Die Zecken sind dieses Jahr besonders aktiv. Ärzte empfehlen deshalb die FSME-Impfung. Aber wie groß ist das Risiko wirklich?

Es heißt Stich und nicht Biss. Nein, Zecken fallen auch nicht von Bäumen, höchstens von Bonsais. Sie schaffen es nämlich allenfalls auf eine Höhe von 1,20 Metern und lauern deshalb besonders in Gräsern und im Unterholz. Man soll die Tiere, die kein Gewinde haben, auch nicht betäuben oder ersticken und nicht herumdrehen, sondern gerade mit einer Pinzette herausziehen - möglichst hautnah.

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Die wichtigste Richtigstellung lautet: Ob es in diesem Jahr wirklich mehr Erkrankungsfälle nach Zeckenstichen geben wird, kann nach Einschätzung von Experten niemand verlässlich sagen.

Zecken können zwei gefährliche Erreger übertragen: Viren, die eine Frühsommermeningoenzephalitis (FSME) auslösen und Bakterien, die zu Borreliose führen können. ,,Die Zecken sind wundervoll durch den Winter gekommen, das ja'', sagt Jochen Süss, Direktor des Referenzlabors für durch Zecken übertragene Erkrankungen am Friedrich-Loeffler-Institut in Jena.

,,Wie das weitergeht und was das für die Erkrankungshäufigkeit im Frühjahr und Sommer bedeutet, dazu kann man aber seriöserweise keine vernünftige Prognose abgeben.''

Das milde Klima der vergangenen Monate ist den Zecken zugute gekommen. Die Spinnentiere können bei Temperaturen unterhalb von sieben Grad Celsius nicht aktiv sein. ,,Sie werden von der Kälte arretiert'', wie Süss es nennt. Da die Wintermonate vielerorts wärmer waren als sonst, konnten sich die Tiere ungewöhnlich früh auf Wirtssuche begeben und vermehren.

Forscher haben das von November bis März untersucht, indem sie mit Flanellhandtüchern Zecken in Feld und Wald sammelten oder beobachteten, wie die Tiere an Stöcken emporkletterten, um nach Wirtstieren zu suchen.

,,Diese Winteraktivität ist neu'', sagt Süss, doch auch dies führe nicht automatisch zu einem Anstieg der Krankheitsfälle. Das hat wiederum mit den klimatischen Vorlieben der Tiere zu tun: Wird der Sommer warm und trocken, zieht es zwar viele Menschen in Wald und Flur - doch dann verkriechen sich die Zecken, weil sie es gerne warm und feucht haben. Wird der Sommer hingegen verregnet, sind zwar die Zecken sehr aktiv, aber der Mensch treibt sich nicht so viel in der Natur herum.

Eine neue Karte der FSME-Risikogebiete des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin trägt nicht dazu bei, die Verwirrung über die vermeintlich drohende Zeckengefahr aufzulösen. Denn das für Krankheitsüberwachung und -prävention zuständige Bundesinstitut hat neue Kriterien angewendet, um anzuzeigen, wo Gefahr droht. Entschied früher die absolute Zahl der Erkrankungsfälle darüber, ob eine Region zum Risikogebiet erklärt wurde, ist nun die Zahl der Erkrankungen auf die Einwohnerzahl der Landkreise bezogen worden.

Dies hat dazu geführt, dass in Bayern jetzt 74 statt bisher 55 Landkreise als Risikogebiete gelten. In Baden-Württemberg sind es 39 statt bisher 32 Kreise und auch in Hessen und Thüringen sind ein paar Regionen mehr zum Risikogebiet erklärt worden.

Verträglicher Schutz

Das RKI betont zwar, dass es ,,an dem neuen Definitionsansatz'' liege, wenn 2007 auf einen Schlag 33 Kreise mehr als 2006 zum Risikogebiet deklariert worden sind. Trotzdem wird in manchen Medien schon vor der kommenden ,,Zeckenplage'' gewarnt. Dabei werden Risikogebiete aufgrund der Daten aus den Vorjahren ausgewiesen, aktuelle Zahlen gibt es noch nicht, da die Erkrankungswelle erst im April/Mai beginnt.

2006 gab es in Deutschland 546 FSME-Erkrankungen, 2005 waren es 432. Mit 269 Fällen trugen sich 2006 mehr als die Hälfte der Erkrankungen in Baden-Württemberg zu. 182 Menschen erkrankten an der gefährlichen Hirnhautentzündung in Bayern, 55 in Hessen. Als Risikogebiet gilt ein Landkreis, wenn dort mehr als eine Erkrankung pro 100000 Einwohner auftritt.

Da Süddeutschland mittlerweile fast komplett zum Risikogebiet erklärt worden ist, erwägen immer mehr Menschen eine FSME-Impfung. Gegen Borreliose, die in ganz Deutschland nach jedem 30. Zeckenstich auftreten kann, ist keine Impfung möglich - dafür helfen Antibiotika gegen die Krankheit, die sich in einer wandernden Rötung, Gelenkschmerzen, Ermattung, oder auch einer Hirnhautentzündung äußern kann.

Für den optimalen FSME-Impfschutz werden drei Injektionen im Abstand von mehreren Monaten empfohlen; es gibt aber auch eine Schnellimmunisierung für Reisende in Gebiete mit großem Infektionsrisiko. Nach drei bis fünf Jahren ist eine Auffrischung nötig. Die Impfung mit abgetöteten Viren war zu Beginn des Jahrzehnts in Verruf geraten, weil der Impfstoff Ticovac häufig Nebenwirkungen wie Fieber und Fieberkrämpfe auslöste.

Dieses Mittel wurde jedoch 2001 vom Markt genommen. ,,Dieses Image hängt der Impfung wohl noch an'', sagt Süss. Die heute gebräuchlichen Impfstoffe sind hingegen deutlich verträglicher und bieten einen Impfschutz von etwa 99Prozent. Laut Jochen Süss kommt auf eine Million Impfdosen eine schwere Nebenwirkung, etwa eine Meningitis. Schwellungen an der Einstichstelle, Fieber, Kopfweh und Abgeschlagenheit am Tag der Impfung kommen zu fünf bis zehn Prozent vor.

Das RKI empfiehlt eine FSME-Impfung für Personen, die in Risikogebieten wohnen und zeckenexponiert sind. In Baden-Württemberg wird die Impfung deshalb vom Land ohne jede geografische Einschränkung propagiert. In dem vom RKI Mitte April herausgegebenen Epidemiologischen Bulletin heißt es, dass eine Impfung auch in Gebieten ohne erhöhtes FSME-Risiko womöglich ,,sinnvoll und auch gut begründet'' ist, wenn Beruf oder Freizeitverhalten eine ,,besonders intensive Zeckenexposition'' nahelegen - eine Beratung durch das örtliche Gesundheitsamt wird empfohlen.

Ob eine FSME-Impfung nach einem Zeckenstich vor der Erkrankung schützen kann, ist ungewiss. Schließlich dauert es etwa vier Wochen, bis bei 50 Prozent der Geimpften nach der Impfung so viele Antikörper gegen das Virus im Blut nachweisbar sind, dass ein erster Impfschutz besteht. Die Inkubationszeit, das heißt der Zeitraum vom Stich bis zu ersten Anzeichen der Erkrankung, beträgt hingegen nur sieben bis 14 Tage, sodass es naheliegt, dass die nachträgliche Impfung keinen zusätzlichen Schutz bietet.

Diese Frage wird sich auch zukünftig in Studien kaum klären lassen, denn trotz aller Warnungen ist das Infektionsrisiko gering: Je nach Zecken-Durchseuchung schätzen Forscher die Gefahr, nach einem Zeckenstich zu erkranken auf 1:300 bis 1:10000. Kinder in Risikogebieten sollten trotzdem geimpft werden, sagt Süss. ,,Man will ihnen doch eine Meningitis ersparen.''

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(SZ vom 18.04.2007)