Wunschzettel im Wandel Wünsch mir was!

Gesundheit statt Barbies und Gottes Segen statt ferngesteuerter Panzer: Früher nutzten Kinder ihren Wunschzettel nicht als Forderungskatalog für Geschenke, sondern verfassten darauf Loblieder auf die Eltern. Der Kulturgeschichtler Thorkild Hinrichsen erklärt, warum es gut ist, dass diese Zeiten vorbei sind.

Interview: Lena Jakat

Torkild Hinrichsen ist Kunst- und Kulturgeschichtler und Direktor des Altonaer Museums in Hamburg. Dort ist gertade die Ausstellung Wunschlos! Glücklich? zu sehen. In 200 Exponate zeichnet die Schau die Entwicklungsgeschichte des Wunschzettels nach und beweist: Früher wünschten sich Kinder keine Puppen oder Zinnsoldaten für sich selbst, sondern Gesundheit, Glück und allerlei Frommes für ihre Eltern. Ein Gespräch über das Wünschen im Wandel.

"Ihren lieben Eltern" schenkte ein Mädchen namens Elisabeth diesen Wunschbogen zum Weihnachtsfest 1900. Klicken Sie auf das Bild, um es vollständig zu sehen.

(Foto: Weihnachtshaus Husum)

sueddeutsche.de: Herr Hinrichsen, Sie sagen, der Wunschzettel war früher gar nicht an das Christkind oder den Weihnachtsmann gerichtet?

Hinrichsen: Genau. Die Wünsche auf den Wunschzetteln Anfang des 18. Jahrhunderts gingen an die Eltern oder Paten. Die Bögen waren mit aufwendigen Druckgraphiken geschmückt und enthielten Lobreden und schwülstige Dankesworte. Die Eltern beschenkten sich damit praktisch selbst.

sueddeutsche.de: Wie das?

Hinrichsen: Nicht die Kinder kauften diese Wunschzettel, oft war es der Hauslehrer, der die Blätter für teures Geld besorgte - auf Geheiß der Eltern. Er hatte dafür wohl manchmal sogar ein eigenes Budget. Die Kinder mussten dann in Schönschrift einen Spruch hineinschreiben. Die Wunschzettel waren damals eine Leistungsschau, in der einmal im Jahr gezeigt wurde, wie die Dressur des Kindes voranschritt.

sueddeutsche.de: Das klingt sehr kritisch.

Hinrichsen: Beim Betrachten der Zettel stehen einem auch die Haare zu Berge. Die Wünsche haben sich ja nicht die Kinder ausgedacht, sondern die Texte wurden vom Pfarrer oder Lehrer formuliert, in triefender, frömmelnder Weise. "Vater, mit Entzücken nenn ich diesen Namen", beginnt der Text auf einem Wunschzettel von 1782, "Lob durchdringt meine Glieder", heißt es in einem anderen. Die Eltern lobten sich durch ihre Kinder also selbst. Das ging so weit, dass besonders gute Schüler dasselbe noch einmal in Französisch und Englisch hineinschrieben. Und dann mussten sie den Spruch auch noch auswendig lernen und am Weihnachtsabend aufsagen.

sueddeutsche.de: Wie wurden aus derart frommen Wünschen Geschenkelisten?

Hinrichsen: In den 1830er Jahren schleichen sich langsam weltliche Motive in die christliche Bildsprache ein: Neben der Mutter Gottes taucht die bürgerliche Stube auf, der Tannenbaum mit den Geschenken. Auch der Brauch selbst wird so thematisiert. Und nach und nach mischen sich in die guten Wünsche an die Eltern oder Paten eigene Begehrlichkeiten. Und dann ging alles sehr schnell - ein paar Jahrzehnte später gab es im Spielzeughandel schon fertig gedruckte Wunschzettel, wie wir sie heute kennen.

sueddeutsche.de: Also ist der heutige Wunschzettel eine Erfindung des Einzelhandels?

Hinrichsen: Er war die schlaue Marketing-Idee eines Spielwarenhändlers. Ende des 19. Jahrhunderts gibt es schon ganze Wunsch-Kataloge, in denen die Kinder nur noch die passenden Geschenke ankreuzen mussten. Zu dieser Zeit war Deutschland der führende Produzent für Spiel- und Weihnachtswaren. Spielzeug wurde für wesentlich mehr Leute erschwinglicher: Die Nachfrage aus den USA drückte den Preis auch hierzulande.

sueddeutsche.de: Heute schreiben viele Kinder ihre Wunschzettel in dem Glauben, das Christkind oder der Weihnachtsmann brächte all diese schönen Dinge. Wie kam das?

Hinrichsen: Das war die letzte Stufe der Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Mittlerweile gibt es ja sogar Weihnachtspostämter in Städten wie Himmelpforten oder Engelskirchen. Dort sitzen Dutzende Aushilfskräfte der Post und beantworten jeden Brief einzeln. Das ist schon ein Signal, das die Kinder beeindruckt - und funktioniert im Übrigen sehr gut.

sueddeutsche.de: Woher wissen Sie das?

Hinrichsen: Ich habe an alle sieben Postämter Testwunschzettel geschickt und auf jeden eine sehr individuelle Antwort bekommen. Die Wunschzettel der Kinder gleichen sich dagegen sehr. Das haben wir in einem Experiment mit einer Schulklasse herausgefunden: Erstaunlicherweise ist das Bildrepertoire bei allen Kindern das gleiche, egal welchen Hintergrund sie haben, ob sie Christen sind oder nicht. Weihnachten ist längst zu einer leeren Hülse geworden.