Wo kommst du her? "Nachbohren geht in Richtung Rassismus"

Eben nicht nur eine Frage der Himmelsrichtungen: Wo kommst du her?

(Foto: dpa)

Was ist schlimm an der Frage "Wo kommst du her?" Hunderte Leser haben auf einen Text zum Thema mit Lob, Kritik und Unverständnis reagiert. Autor Mutlu Ergün-Hamaz kennt diese Frage und erklärt, wann sie für ihn problematisch wird.

Von Oliver Klasen

Die Mails kommen fast im Minutentakt. Auch über Twitter und Facebook melden sich Leser, um der Redaktion ihre Meinung und ihre Gedanken mitzuteilen. Auslöser der Anteilnahme ist ein Text, der im Rahmen des Recherche-Projekts veröffentlicht wurde. Darin geht es um die kritische Auseinandersetzung mit der Frage "Wo kommst du her?", die Menschen mit Migrationsgeschichte häufig gestellt wird. Und hinter der ein latenter Rassismus stecken kann.

Ausgrenzen mit vier Worten

Wer Mohammad, Phuong oder Dhakiya heißt, bekommt die Frage "Wo kommst du her?" dauernd zu hören. Warum sich darin Rassismus versteckt und welche Erfahrungen unsere Leser mit noch schlimmeren Sätzen gemacht haben. Von Oliver Klasen mehr ... Die Recherche - #momentmal

Ein Teil der Rückmeldungen bringt Lob und Zustimmung zum Ausdruck. Mehrere Leser schreiben, dass sie sich auch schon einmal unwohl gefühlt haben bei dieser Frage. Die Mehrheit jedoch ist irritiert und wendet ein, dass man mit dieser Frage lediglich sein Gegenüber kennenlernen wolle.

Viele bringen auch ihren Unmut zum Ausdruck, diagnostizieren "künstliche Tabus" und eine "tiefgehende Verunsicherung der deutschen Gesellschaft".

Sie verstehen die Argumente im Text als "Erziehungsversuche" in Sachen political correctness und finden sie "nervig".

Die Vielzahl an kritischen Kommentaren hat den Autor ins Grübeln gebracht. Hat er überzogen? Ist es übertrieben, die Frage "Wo kommst Du her?" derart zu problematisieren? Ein Anruf bei Mutlu Ergün-Hamaz soll Klarheit bringen. Von einem Satz zu seinem Bühnenprogramm stammt die Idee zu dem Text.

SZ.de: Herr Ergün-Hamaz, haben Sie auf die Frage 'Wo kommst du her?' schon jemals "aus Mama" gesagt - wie in Ihren Lesungen?

Mutlu Ergün-Hamaz (lacht): Nein, ich glaube nicht, dass ich das privat schon mal gemacht habe, wenn, dann nur aus Spaß. Manchmal sage ich einfach, wie es ist. Dann erzähle ich, dass meine Eltern aus der Türkei kommen. Meistens benutze ich die kürzeste Antwortvariante und sage: 'Ich komme aus Berlin.'

Zum Autor

Mutlu Ergün-Hamaz studiert an der London School of Economics Soziologie und lebt als Autor, Pädagoge, Sozialforscher und Performer in Berlin. Seit 2001 ist Ergün-Hamaz Mitglied beim anti-rassistischen Verein Phoenix e.V. und dort als White-Awareness und Empowerment-Trainer tätig. Er ist seit 2004 Redakteur beim Kultur- & Gesellschaftsmagazin freitext und seit 2010 Mitherausgeber der Edition insurrection notes des Unrast Verlags. Zusammen mit Noah Sow entwickelte er die anti-rassistische Satire "Edutainment-Attacke!".

Stimmt ja auch, Ihrer Biografie nach zu urteilen.

Ja, aber manchmal heißt es dann: 'Aber wo kommst du wirklich her? Oder wo kommt dein Name her?' Ist auch schon vorgekommen, dass ich genervt war von der Frage und mir irgendeinen Quatsch überlegt habe. Fantasiegeschichten. Einmal habe ich zum Beispiel erzählt, ich käme aus Schweden und als mein Gegenüber dann verwundert war, habe ich zurückgefragt: Wie muss denn deiner Meinung nach ein Schwede aussehen?

Was finden Sie denn so schlimm an dieser Frage?

Es geht weniger um meine persönlichen Erfahrungen als um die gesellschaftlichen Strukturen. Sehr oft, wenn die Frage einer nichtweißen, deutschen Person gestellt wird, dann schwingt etwas mit. Das Grundparadigma ist eben, dass Deutschsein gleich Weißsein bedeutet. Wenn also einer nichtweißen Person diese Frage gestellt wird, dann stecken unterschwellig weitere Fragen drin: Warum bist du braun? Wie kannst du Deutscher sein und braun? So wie du aussiehst oder heißt, kannst du gar nicht von hier sein.

Ist die Frage denn immer rassistisch?

Nein, pauschal würde ich das nicht sagen. Das kommt sehr auf den Kontext und auf den Unterton an. Wenn ein Tourist mich nach dem Weg fragt, vielleicht sogar auf Englisch, und ich frage ihn, wo er herkommt, dann ist das eine ganz normale Frage. Ist ja sofort klar, der hat jetzt nicht seinen Lebensmittelpunkt in Deutschland, der ist nicht Teil unserer Gesellschaft. Auch wenn eine biodeutsche Person eine andere biodeutsche Person fragt ...

... also Personen, deren Eltern beide in Deutschland geboren wurden ...

...wenn die sich das gegenseitig fragen, ist es total harmlos. Vielleicht hat einer einen bayerischen Dialekt und der andere will dann wissen, woher genau er kommt. Das ist natürlich kein Rassismus. Es gibt ja keine strukturelle Diskriminierung von Bayern in Deutschland. Etwas anderes ist es, wenn eine weiße Person eine nichtweiße Person fragt 'Wo kommst du her?' und dann mit der Antwort, dass ich aus Deutschland komme, nicht zufrieden ist. Wenn dann noch einmal nachgebohrt wird, weil es ja nicht sein kann, dass jemand mit so einem Aussehen und so einem Namen aus Deutschland kommt, dann geht es in Richtung Rassismus.

Warum?

Weil diese vordergründig harmlose Frage eine Form der symbolischen Ausbürgerung sein kann. Ich verorte den anderen damit als Ausländer, als jemanden, der nicht dazugehört. Dass wäre alles nicht schlimm, wenn die Herkunft in Deutschland keine Rolle spielen würde. Das tut sie aber. Rassismus ist ein strukturelles Problem in unserer Gesellschaft. Menschen mit Migrationshintergrund sind auf dem Bildungsmarkt, auf dem Arbeitsmarkt und auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt. Sie werden wegen ihrer Herkunft diskriminiert. Dass sie von woanders kommen, spielt nun mal eine Rolle.