"Wie ich euch sehe" zu Notaufnahme "Nehmt es nicht persönlich, aber ich muss einen Schlaganfall versorgen"

"Beim Hausarzt warte ich immer ewig" - dieses Argument kann die Ärztin Susanne H. nicht mehr hören.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Ob Herzinfarkt oder Hautausschlag: In der Notaufnahme wird jeder ernst genommen. Wann sie trotzdem richtig sauer wird, erklärt eine Ärztin in einer weiteren Folge von "Wie ich euch sehe".

Von Violetta Simon

Morgens halb 10 in Niederbayern: Zeit für einen Kaffee habe ich leider nicht - es warten bereits zahlreiche Patienten, die der Rettungsdienst gebracht hat. Ich kümmere mich um die alte Dame aus dem Pflegeheim mit Lungenentzündung und schicke den Herrn mit dem Infarkt Richtung Herzkatheter. Auf dem Flur werden die ersten Patienten, die sich selbst eingewiesen haben, unruhig. Darunter jemand, der seit einer Woche Husten hat. Beim Hausarzt war er bisher nicht - der Weg in die Notaufnahme ist offenbar naheliegender.

Kein Witz: Die Aussage "beim Hausarzt warte ich immer ewig", höre ich ständig. Mir ist klar, dass jeder, der uns aufsucht, einen gewissen Leidensdruck hat. Auch das Schmerzempfinden ist bekanntlich subjektiv. Aber Notfälle definieren sich nun mal anders als eine Entzündung der oberen Atemwege. Und wenn wir gereizt reagieren, weil ihr uns zum dritten Mal fragt, wann ihr endlich drankommt, ist das nicht böse gemeint. Sondern damit, dass parallel zu euch noch ein Herr mit einem Schlaganfall zu versorgen ist. Nehmt es also bitte nicht persönlich.

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Ärgerlich werde ich allerdings, wenn ihr Druck aufbaut. Wenn die Schwester fragt, wie lange es noch dauert, bis die junge Frau mit dem Hautausschlag dran käme, dann ist das so eine Situation. Sie habe schon mehrfach gefragt und habe es eilig - sehr eilig. Weil sie noch einen wichtigen Termin habe. Ob bei der Bundeskanzlerin oder beim Friseur, weiß ich nicht, und es geht mich auch nichts an. Wie wichtig kann der Termin schon sein, möchte ich am liebsten antworten - und die junge Dame zu mir holen. Nicht, um sie mit erhobenem Zeigefinger zu rügen. Sondern, damit sie sieht, was wir hier tun. Weil solche Erlebnisse womöglich ihr Weltbild ein wenig zurechtrücken und sie erkennen lassen, was wirklich zählt im Leben.

Für den alten Mann, der tagelang in seiner Wohnung auf Hilfe wartete, ist das in diesem Moment: dass sich jemand um ihn kümmert, ihn wäscht und seinen Hunger und Durst stillt. Essen und Trinken konnte er nämlich nicht, während er hilflos am Boden lag. Sicherlich wäre er auch für ein paar nette Worte dankbar. Aber die werden aus Zeitmangel entfallen und sich auf einen warmen Händedruck beschränken. Weil ja der Hautausschlag wartet und zum Friseur muss.

Jeder wird ernst genommen

Es gibt Fälle, die mich berühren. Die mir einen tiefen Einblick in eure Seele geben und mir zeigen, was euch wichtig ist, auch in dunklen Zeiten. Wie zum Beispiel der Alkoholkranke, der immer wieder aufgegriffen und in unsere Notaufnahme gebracht wird. Der mir jedes Mal ein neues Bild seiner zwei Katzen zeigt, um die er sich trotz allem rührend kümmert. Inzwischen wurden aus den Babykatzen zwei stattliche Kater. Und ich fürchte mich beinahe vor dem Tag, an dem er nicht mehr kommt.

Oder der Drogenabhängige, der nach einer Überdosis fast hops gegangen wäre. Das erste, was er mir bei dem Notarzteinsatz auf dem Weg ins Krankenhaus erzählte, nachdem er einigermaßen wiederhergestellt war: dass er eigentlich keine Zeit hätte, um mitzufahren. In wenigen Stunden müsse er nämlich zur Kindergarten-Einschreibung seines Sohnes. Da muss ich an meine eigenen Söhne denken und bleibe traurig und etwas ratlos zurück. Weil so viel schief läuft in unserer Gesellschaft.

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Doch egal, ob Alkohol und Drogen oder Halsschmerzen und Hautausschlag: Hier wird jeder von uns ernst genommen. Schließlich haben wir fast alle diesen Beruf ergriffen, weil wir gerne mit Menschen arbeiten. Ehrlich: Ich mache diesen Job so gern, weil ich meine Patienten liebe - alle. Nach dieser ernst gemeinten Liebeserklärung: Nehmt das bitte zum Anlass, euer Verhalten mir gegenüber zu überdenken. Die meisten von euch sind freundlich, dankbar und verständnisvoll, wenn mal nicht alles nach Plan läuft. Aber manche von euch haben mir gegenüber einen Ton drauf, dass mir Hören und Sehen vergeht.

Ich kann mir vorstellen, dass ihr in einer Ausnahmesituation seid, wenn ihr zum Beispiel um eure Angehörigen bangt. Aber trotzdem frage ich mich, ob ihr mit dem Bäcker an der Ecke genauso respektlos kommuniziert. Ich will nicht als Göttin in Weiß behandelt werden, das bin ich nicht. Aber ein gewisses Maß an Respekt sollte schon sein, das bringe ich euch auch entgegen. Und zwar immer, egal, wann ihr zuletzt geduscht habt. Selbst, wenn ihr mir mit zwei Promille mittags um 12 vor die Füße kotzt. Oder euch und andere verletzt, indem ihr im Zug die Notbremse zieht. Weil ihr denkt, ihr seid Jesus - und der Zug fährt in die falsche Richtung.

Mir ist sehr wohl klar, dass wir uns nicht auf einer Filmpremiere begegnen, für die wir uns stundenlang aufgehübscht haben, um uns von unserer besten Seite zu zeigen. Sondern in Situationen, in denen ihr bestenfalls etwas verunsichert seid (Der Wespenstich wird rot und juckt stark - kann das eine Allergie werden? Ob das gefährlich ist? Besser, ich gehe mal ins Krankenhaus).

Schlimmstenfalls verbringe ich weitaus dunklere Stunden mit euch. Da darf auch mal eure Maske fallen, und niemand nimmt euch eine harsche Bemerkung übel. Umgekehrt dürft ihr aber auch mal Danke sagen, wenn ihr euch gut aufgehoben fühlt bei uns.

In dieser Serie kommen Menschen zu Wort, mit denen wir täglich zu tun haben, über die sich die meisten von uns jedoch kaum Gedanken machen. Sie teilen uns mit, wie es ihnen im Alltag ergeht und welche Rolle wir dabei spielen - als nervige Kunden, ungeduldige Patienten, ignorante Mitmenschen.