"Wie ich euch sehe" - die Lehrerin "Ich bin Lehrerin, nicht die Tagesmutter eurer Kinder"

Zwischen Vernachlässigung und zu viel Ehrgeiz: Die Grundschullehrerin soll ausgleichen, was die Eltern falsch machen.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Warum ehrgeizige Eltern sie verrückt machen und Lieblingskinder kein Problem sind, erklärt eine Grundschullehrerin in einer Folge von "Wie ich euch sehe".

Von Viktoria Bolmer

In unserer Serie "Wie ich euch sehe" kommen Protagonisten unseres Alltags zu Wort - Menschen, denen wir täglich begegnen, über die jeder eine Meinung hat, aber die wenigsten eine Ahnung: eine Wiesnbedienung, ein Pfarrer, die Frau an der Supermarktkasse. Sie erzählen uns, wie sie sich fühlen, wenn sie es mit uns zu tun bekommen - als Kunden, Gäste, Mitmenschen. Diesmal erklärt Grundschullehrerin Dorothee L., wie es im Klassenzimmer zugeht.

Liebe Eltern: Ich mag euer Kind nicht deshalb besonders gerne, wenn ihr ihm einen ganzen Laubwald in den Rucksack packt, weil wir im Sachunterricht gerade das Thema Herbst bearbeiten. Eurem Kind hilft es auch nicht, wenn ihr bei mir am Pult steht und sagt: Wir wollen nicht, dass unsere Tochter eine Drei in Sachkunde hat, sie soll aufs Gymnasium. Wir könnten es alle einfacher haben, wenn Sie sich das hier merken: Wenn es notentechnisch ein Problem gibt, melde ich mich. Das ist bei einer Drei aber nicht der Fall. Wer als Eltern dem Kind schon in der Grundschule Nachhilfe aufdrückt, ihm Übungszettel außer der Reihe aufzwingt, übertreibt es. Sie nehmen ihrem eigenen Kind die Freude an der Schule. Die Kinder sollten lernen, dass Schule nicht alles und eine Drei absolut okay ist.

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Ich weiß, dass ihr Vorurteile gegen uns Lehrer habt. Zum Beispiel, dass wir Lieblingskinder hätten. An diesem Vorurteil ist etwas dran. Niemand ist objektiv. Aber: Wir Lehrer können das ausgleichen. Auch ich bin ein Mensch und merke, wenn ich ungerecht zu einem Kind bin. Dann suche ich den Kontakt. Ein Mädchen in meiner Klasse hat mich fast wahnsinnig gemacht, sie hat ständig meine Fragen ignoriert, war unmotiviert. Irgendwann habe ich gemerkt: Ich erwarte dieses Verhalten schon von ihr. Dann dachte ich: Das geht nicht. Ich habe sie nach vorne gesetzt, stärker in den Unterricht eingebunden, sie direkt angesprochen. Plötzlich war sie wie ausgewechselt, blühte total auf, sie hatte immer die Hausaufgaben parat. Mir ist bewusst, dass es meine Aufgabe als Erwachsener ist, solche Schwierigkeiten zu durchbrechen und den Kontakt zu suchen. Auch wenn ihr, liebe Eltern, oft denkt, Lehrer säßen auf einem hohen Ross - ich kann nur sagen: Mich plagen häufig Selbstzweifel, ob ich den Kindern gerecht werde. Aber gerade das spornt mich an, das zu ändern.

Seid ihr manchmal nervös vor dem Elternsprechtag, fühlt es sich an wie ein Tribunal, eine Rechtfertigung für das Verhalten eures Kindes? Keine Sorge, mir geht es ähnlich. Ich soll alles erklären können, alles, was in der Klasse passiert ist. Und wenn es nach euch ginge, würde jedes Gespräch mindestens eine halbe Stunde dauern. Ihr kommt manchmal schon emotionsgeladen rein, wollt mit mir diskutieren, warum welcher Sitznachbar wann wie gemein zu eurem Sohn war. Dann muss ich euch sagen: Wir sind jetzt hier, um über den Leistungsstand eures Kindes zu sprechen. Dass es gut läuft mit ihm im Unterricht, er sich aber etwas mehr beteiligen könnte. Der Rest gehört nicht in diesen Termin, dafür können wir gerne einen anderen Termin ausmachen, dann habe ich mehr Zeit und kann mich außerdem vorbereiten. Denn vor der Tür warten noch 24 weitere Eltern, die ebenfalls am liebsten eine halbe Stunde mit mir sprechen würden.

Bei einigen Kindern funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus gut - bei anderen gar nicht. Für mich ist es ein Rätsel, wieso manchmal so eine große Lücke zwischen dem eigenen Engagement der Eltern und ihrer Erwartung an uns Lehrer klafft: Es ist offenbar für manche von euch zu viel verlangt, eurem Kind eine neues Heft zu kaufen, wenn das alte voll ist, oder ihm oder ihr eine neue Mappe einzupacken. Selbst, wenn ich es ins Hausaufgabenheft schreibe, ignoriert ihr das. Aber wenn dann die nächste Klassenarbeit ansteht, die Unterlagen der Tochter unvollständig sind, sie nicht alle Arbeitsblätter zum Lernen hat - dann ruft ihr mich an, macht mich dafür verantwortlich. Dabei wäre es auch eure Aufgabe, diese Dinge im Blick zu behalten.

Als Grundschullehrerin habe ich einen Auftrag sowohl für Bildung als auch Erziehung, und es ist schwierig, die Grenzen zu ziehen. Manchmal bekomme ich das Gefühl, ein Dienstleister zu sein. Ich soll die Kinder am Vormittag betreuen, und wenn was nicht klappt, bin ich eben schuld. So sehe ich meinen Beruf aber nicht - wenn ich Kinder betreuen wollen würde, wäre ich Tagesmutter geworden, nicht Lehrerin. Ich möchte Wissen vermitteln. Ich verstehe auch, dass gerade, wenn die Kinder in Ganztagsschulen sind, die wenige Zeit, die sie mit den Eltern haben, gute Zeit sein soll. Dennoch bitte ich euch, euren Erziehungsauftrag nicht zu vergessen.

Ich denke nicht als Mutter, ich bin Lehrerin. Ich sehe die Kinder täglich fünf Stunden, natürlich wachsen sie mir dabei ans Herz. Ich möchte pädagogisch und didaktisch das Beste für die Kinder erreichen und gebe mir dabei viel Mühe. Wenn ich merke, dass ihr aus übertriebenem Ehrgeiz handelt, macht mich das sauer. Denkt weniger an das, was ihr persönlich gerne hättet, sondern daran, was das Kind braucht.

Ich bin mit viel Idealismus in das Referendariat gegangen. Ich wollte Lehrerin werden, weil ich Kinder liebe, weil ich ihnen etwas beibringen möchte. Das Engagement, das man in der Ausbildung und als Junglehrerin mitbringt, wird von der Landesschulbehörde aber schamlos ausgenutzt. Ich soll zum Beispiel Kindern in der Klasse unsere Sprache beibringen, die kein Wort Deutsch sprechen - und das im normalen Schulalltag, so ganz nebenbei. Dafür gibt es weder Unterstützung, noch zusätzliches Personal. Die Behörden setzen auf unsere Motivation und die Bereitschaft, Überstunden zu machen.

Es wäre also schön, wenn ich mir nicht immer anhören müsste, ich würde den Job nur machen, weil ich dann ja so viel Freizeit und Ferien habe. Viele von euch denken, ich hätte jeden Nachmittag frei - da sei genug Zeit für Extraarbeit. Okay, an manchen Tagen bin ich um 14 Uhr zu Hause. Dann ruft ihr an, wollt mit mir Noten aushandeln und meine Verantwortung für die Leistung eurer Kinder diskutieren - manchmal fünf von euch, manchmal ein Dutzend.

In jeder Klasse gibt es Kinder, die hinterherhinken und gefördert werden müssen. Viele von euch denken, ich hätte dazu ein fertiges Konzept im Ordner, das ich nur rausholen muss, dann liefe das schon. Doch ich erarbeite Förderpläne für jeden Schüler individuell, die sich nach deren Bedürfnissen richten und auf meinen pädagogischen Einschätzungen basieren. Weil ich jedem Kind gerecht werden will.

Außerdem bereite ich jede Unterrichtsstunde neu vor, fahre etwa beim Thema Getreide für den Sachunterricht die Felder im Umland ab und pflücke Weizen, Gerste und Hafer, damit die Kinder am nächsten Tag die Sorte nicht anhand einer Abbildung im Buch erkennen müssen, sondern in den Händen halten. Das alles tue ich in der Zeit, von der ihr denkt, ich hätte frei.

Um in eurer Wahrnehmung zu bleiben: Es kann eigentlich nicht so wahnsinnig schwer sein, sich als Eltern richtig zu verhalten. Lest eurem Kind so viel vor wie möglich. Schaut nachmittags nach, ob die Schulsachen in Ordnung und vollständig sind. Und bitte: Wenn euer Kind krank ist, ruft mich morgens einfach an (von 25 macht das ein Elternpaar). Dann kann ich mit euch absprechen, welches Kind die Hausaufgaben vorbeibringt, und alle sind glücklich. Wenn ihr dann auch noch eine schriftliche Entschuldigung einreicht - ach nein, lasst uns lieber klein anfangen.

In dieser Serie kommen Menschen zu Wort, mit denen wir täglich zu tun haben, über die sich die meisten von uns jedoch kaum Gedanken machen. Sie teilen uns mit, wie es ihnen im Alltag ergeht und welche Rolle wir dabei spielen - als nervige Kunden, ungeduldige Patienten, ignorante Mitmenschen.

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