Protokoll: Stephan Bernhard

Irrtümlich abgebogen: Freeskier Fred Syversen ist bei Filmaufnahmen in die falsche Rinne eingefahren - und 107 Meter in die Tiefe gestürzt.

Der Norweger Fred Syversen, 42, ist professioneller Freeskifahrer und lebt davon, auf seinen Skiern die steilsten Hänge der Alpen zu bezwingen. Am 18. März 2008 hätte ihn ein fataler Irrtum während einer halsbrecherischen Abfahrt beinahe sein Leben gekostet.

Bild vergrößern

Fred Syversen (© Foto: oh)

Anzeige

"Der Hubschrauber kreist über mir am strahlend blauen Himmel, während ich ungeduldig auf das Startzeichen warte. Erst vor wenigen Minuten sind wir auf diesem Bergkamm weitab jeglicher Zivilisation in den Schweizer Alpen gelandet und die Bedingungen sehen phantastisch aus.

Endlich hebt der Kameramann im Helikopter die Hand, ich lasse die Skier laufen, tauche in den frischen Pulverschnee ein und schicke mit jedem Schwung Schneewolken meterhoch in die klare Luft.

Weiter unten verwandelt sich die weite Schneefläche in eine steile, zerklüftete Felswand, durch die nur noch wenige schneegefüllte Rinnen führen. Ich muss genau wissen, wohin ich fahre. Das Gelände fällt so jäh ab, dass ich immer nur die nächsten 20 Meter sehen kann.

Um meinen Weg zu finden, hatte ich das Gelände vom Hubschrauber aus studiert und mir markante Punkte eingeprägt. Als eine kleine Felsspitze, sozusagen mein Wegweiser, plötzlich vor mir auftaucht, steuere ich rechts davon in eine enge Rinne. Ein fataler Fehler - erst später erfahre ich, dass sich in dem Hang zwei Felsen tatsächlich zum Verwechseln ähnlich sehen.

Dass ich falsch bin, wird mir schlagartig klar. Zehn Meter vor mir endet der Schnee, und ich habe keine Ahnung, was hinter diesem Abbruch liegt, der rasend schnell näherkommt. Bremsen? - zu spät, entscheide ich reflexartig und springe in den Abgrund. Im nächsten Moment weiß ich, dass ich gleich sterben werde.

Der Boden unter mir ist so weit weg, dass ich nicht einmal schätzen kann, wie tief ich falle. Ich realisiere, wie der Wind immer stärker wird, an meiner Jacke reißt und in meinen Ohren zu einem Orkan anwächst. Später hat die Filmcrew erzählt, dass die Stoppuhr lief - fünf endlose Sekunden hat mein freier Fall gedauert.

Als ich sehe, dass die Felsen unter mir verschwinden und ich im Schnee landen werde, kehrt mein Lebenswille zurück. "Ich werde nicht sterben", sage ich mir und lasse mich kurz vor dem Aufprall nach hinten fallen, um die Wucht des Einschlags auf den ganzen Körper zu verteilen. Der Schnee explodiert und plötzlich ist alles um mich herum still. Ich bin wie einbetoniert, kann keinen Finger rühren. Und dann dauert es nur noch wenige Minuten, bis mich die Kollegen der Filmcrew ausgegraben haben.

Im Krankenhaus schließlich erfahre ich, dass durch die Wucht des Aufpralls ein Lungenflügel zusammengefallen ist - und ich nun den Rekord für den bislang höchsten Sprung von einer Felswand halte: 107 Meter."

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Wüste bebt

Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...

(SZ vom 09.03.2009/bilu)