Weltgesundheitsbericht WHO: Risiko weltweiter Epidemien nimmt zu

In den letzten dreißig Jahren sind so viele unbekannte Krankheitserreger aufgetaucht wie niemals zuvor, warnt die WHO. Über den Flugverkehr können sie sich immer besser ausbreiten.

Von Markus C. Schulte von Drach

Ansteckende Krankheiten breiten sich weltweit schneller aus als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Davor warnt jetzt ein Bericht der Weltgesundheitsbehörde (WHO). Demnach ist die Häufigkeit neuer Epidemien auf die "noch nie da gewesene" historische Rate von einer pro Jahr angestiegen.

Desinfektion eines Krankenhauses nach dem Ausbruch von Ebola in Gabun.

(Foto: Foto: dpa)

Es sei gut möglich, dass bereits in den nächsten Jahren wieder eine Seuche wie Aids, Sars oder das Ebola-Fieber ausbrechen könnte - mit Millionen von Toten. Zu hoffen, es werde nicht dazu kommen, sei "extrem naiv", so die UN-Organisation.

Seit den Siebzigern des letzten Jahrhunderts sei es zu 39 Ausbrüchen von zuvor unbekannten Krankheiten gekommen, stellt der WHO-Weltgesundheitsbericht fest. Und allein in den letzten fünf Jahren habe es mehr als 1100 Epidemien gegeben, darunter Ausbrüche von Cholera, Polio und der Vogelgrippe. Allein die Krankheit Sars (Severe Acute Respiratory Syndrome), die sich 2003 von China aus ausgebreitet hatte, kostete etwa 800 Menschen das Leben.

Und die Frage einer Grippe-Pandemie durch den Vogelgrippe- oder einen anderen Virus ist der WHO zufolge "nur eine Frage des Wann, nicht des Ob".

Ein wichtiger Risikofaktor ist dem Bericht "A Safer Future" zufolge der globale Flugverkehr mit 2,1 Milliarden Passagieren im Jahr.

So könne die große Zahl der Flugpassagiere den Ausbruch einer weiteren großen Epidemie wie Aids, Sars oder das Ebola-Fieber begünstigen. Denn "der Ausbruch einer Seuche in einem Teil der Welt kann innerhalb weniger Stunden zu einer Bedrohung irgendwo anders werden".

Das zeige etwa der Fall eines US-Anwalts, der an einer besonders gefährlichen Form der Tuberkulose erkrankt war. Mindestens 127 Personen hatten mit dem Anwalt während zweier Transatlantik-Flüge Kontakt gehabt.

Doch sowohl die WHO als auch die Behörden der betroffenen Staaten waren erst informiert worden, nachdem der Anwalt Europa wieder verlassen hatte. In diesem Fall stellte sich zum Glück heraus, dass die Infektion nicht so gefährlich gewesen war, wie zuerst befürchtet. Doch es hätte auch anders ausgehen können.

Deshalb, so fordert die Behörde, müsse die internationale Gemeinschaft intensiver zusammenarbeiten.

Informationen schneller austauschen

Nicht nur sei es notwendig, schneller Informationen über aktuelle Fälle auszutauschen. Auch Daten über Krankheitserreger, medizinisches Wissen und Technologien sollten von reichen und armen Nationen geteilt werden. So ließen sich Ausbrüche von Seuchen verhindern, Epidemien eher eindämmen und Impfstoffe schneller entwickeln.

Eine Bedrohung, die der Mensch selbst zum großen Teil zu verantworten hat, ist nach Einschätzung der WHO die zunehmende Resistenz vieler Krankheitserreger gegen Antibiotika. Der weit verbreitete falsche Einsatz von Medikamenten bedrohe die Bemühungen, Infektionskrankheiten zu kontrollieren, bereits ernsthaft, warnen die Fachleute.

Das belege etwa der Fall des inzwischen weltweit auftretenden, extrem widerstandsfähigen Tuberkulose-Stammes XDR-TB. Doch auch der Kampf gegen andere Erreger wird schwieriger.

Große Bedeutung kommt den Fachleuten zufolge auch dem "Monitoring" und der Kontrolle von bekannten ansteckenden Krankheiten wie Cholera oder Gelbfieber zu sowie der frühen Erkennung von Fällen von Hämorrhagischem Fieber, beispielsweise durch Ebola- oder Marburg-Viren verursacht. Gerade hier seien arme Länder auf die Hilfe der Industrienationen angewiesen.

Kritik üben die WHO-Fachleute an der Informationspolitik einiger Regierungen. So hätte die Organisation von fast der Hälfte aller Ausbrüche erst über die Medien erfahren. Als Negativbeispiel führt die UN-Behörde den Streit mit Indonesien über Proben von Vogelgrippeviren an: Die Regierung in Jakarta befürchtet, dass Pharmazieunternehmen mit Hilfe dieser H5N1-Proben Impfstoffe entwickeln könnten, die für die eigene Bevölkerung zu teuer wären.